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Dr. Hans Ulrich Hauschild über “Wutbürger” und einiges mehr

Mir ist es eigentlich genau so gegangen wie Ihnen, lieber Herr Steines. Ich lese Ihren Anstoß, lese „Gott, Sport und die Welt“ und ….

Und? Ich will darauf antworten, habe das dumpfe Gefühl, dass irgend etwas nicht stimmt, schreibe darauf los und bekomme nicht wirklich einen Zugriff auf das, was da steht und auf das, was ich antworten muss, ja muss.

Dann eben, weil Sie ja so wie so nicht kommentieren, knapp und verkürzend.

 Was mir nicht gefällt, ist Ihre Abneigung, auch noch mit Identität von Form und Inhalt (Pickel, Wutbürger) gegen Menschen im Protest. Natürlich ist Wutbürger ein Problem, aber nur deshalb, weil das Wort die Ohnmacht auf höhnische Weise präsentiert. Eigentlich müsste Ihnen das gefallen. Der Begriff ist offenkundig Herrschaftssprache, herablassend. So wie man früher (und heute noch in Ihrer Zeitung, die sich mit der Ausgabe heute selbst feiert) von „Dampf ablassen“ gesprochen hat. Die Anliegen der „Wutbürger“ (hier in Gießen z.B. die Gartenschau) sind berechtigt. Was also kann man dagegen erinnern? Ärgern über „Wutbürger“ können sich diese eigentlich nur selbst, weil mit diesem Begriff ja gezeigt wird, dass man sie nicht ernst nimmt. „Wutbürger“ ist ein ideologischer, inhaltlicher „Diminutiv“.

 Nun gar die Problematik der Fußball – Fans. Sie haben sehr richtig die gesellschaftlichen Grundlagen dargestellt. Hier, wie auf fast allen gesellschaftlichen Ebenen und Sachverhalten, stehen sich Existenz und Zeitgeist gegenüber. Der Fußballfan ist ein Fossil aus Zeiten, in denen der Mensch noch etwas ernst genommen hat, etwas wollte, und wenn es die Banalität Fußball ist. Der VIP – Ecken – Mensch hat aber nun so gar keinen Inhalt bis auf einen: sich selbst. Damit stehen sich die postmoderne Beliebigkeit und die Ernsthaftigkeit des Anliegens gegenüber. Da die VIP ja nun einmal die informelle Macht über die moderne kapitalistische Gesellschaft ausüben, ist mit keiner Art Protest abzuhelfen, sei er gewaltfrei, sei er aggressiv. Denn: mit dem VIP marschieren beide: der Zeitgeist und die Staatsmacht. Soviel zur Polizei, da will ich Ihre Auffassungen zum Eigenschutz nicht weiter kommentieren.

Auch Ihre Fluglärm – Einlassungen mit Seitenhieb auf Kirchengebäude und Lebensäußerung derselben soll nicht weiter hinterfragt werden bis auf dieses: glauben Sie wirklich, Sie werden dem Problem des Fluglärms in Rhein-Main auch nur annähernd gerecht mit diesen Zeilen?

 Wie nun endlich auch immer: der politische Dissens ist nun einmal da. Das hindert mich aber nicht daran, Ihnen mein Unverständnis darüber zuzurufen, dass sich Ihre Zeitung heftig feiert in der heutigen Verlagsbeilage (ja, ich habe mir die Mühe gemacht, sie durchzusehen), ohne einen Hinweis auf Sie und Ihren Anstoß. Oder habe ich daneben gelesen? Ist der Stellvertretende Chefredakteur nach wenigen Tagen schon vergessen? Ich kenne nicht ganz wenige Menschen, die ohne den Anstoß diese Zeitung kaum lesen würden. Der Anstoß bleibt eine „Perle“ auch dann noch, wenn man mit ihm nicht übereinstimmt, oder doch nicht immer. Muss man ja auch nicht. Neben diesem Anstoß gibt es einige wenige lokalredaktionelle Beiträge bzw. – und vor allem – fotographische Beiträge, die die Zeitung zur Pflicht für unsereinen machen. Das war es aber dann auch schon. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle