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Sport-Stammtisch (vom 3. November)

Um es mir mal gleich mit einer recht großen Lesergruppe (gelle, Eintracht-Fans!?) zu verderben: Der »Fan-Gipfel« war eine einigermaßen absurde Veranstaltung. Erstens ging es nicht um Gewalt im Fußball – die ahndet der Schiedsrichter. Es ging um Gewalt am Rande von Fußballspielen – und die ist Sache der Polizei. Trügen die Randalierer keine Klubschals oder Kutten und würden anderswo und anderswie straffällig, kein Mensch käme auf die Idee, sie zu einem übergeordneten Problem hochzudiskutieren.
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Dass der Fan-Frust verständlich ist, bei all dem Schickimicki-Hype um VIP-Logen und Pipapo, rechtfertigt alle friedlichen und originellen Protest-Aktionen von Freunden des reinen Fußballs, aber keine einzige Gewalttat.
Ergebnis des Fan-Gipfels: Gut, dass wir geredet haben. Einige Fan-Vertreter durften sich »auf Augenhöhe« wichtig fühlen. Ansonsten: Ratlosigkeit. Und simpelste Simplizitäten wie dieses Fazit in einem sid-Kommentar: »Für die aktuellen Vorgänge gibt es wohl vorerst nur eine Lösung: Wer Straftaten im Umfeld des Fußballs begeht, muss genauso verfolgt werden  wie jemand, der Straftaten in einem anderen Umfeld begeht.« – Ja was denn sonst? Und wieso ist diese Lösung nur eine vorerstige?
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Seltsam. Seltsam auch, dass Hans Meyer, der heute 70 wird, sein Image als Sprüche-Klopfer immer gestört hat. Warum klopfte er dauernd Sprüche, wenn es ihn stört, dadurch als Sprüche-Klopfer wahrgenommen zu werden? Sein medienkritischer Sarkasmus war sowieso nicht jedermanns Sache. Meine schon. Bis er ihn zu oft überzog. Da wirkte er wie seine eigene Karikatur. Oder eben wie ein Sprüche-Klopfer.
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Seltsam auch: Jene Rostocker Ruderin, die bei Olympia in London Opfer von Funktionärs-Wahnsinn wurde (Stichwort: Sippenhaft), genießt nun verdiente Wiedergutmachung und wird Sportsoldatin. Allerdings hätte man sie, um den Schein zu wahren, doch besser zur Marine geschickt als zur Luftwaffe. – Sorry für den Kalauer, aber in ihm steckt ein echtes Problem: das der Bundeswehr als weitaus größter deutscher Spitzensport-Sponsor. Doch das soll ein andermal thematisiert werden.
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In der laufenden »Wer bin ich?«-Runde sind drei Punkte zu gewinnen. Wer die Aufgabenstellung verpasst hat, kann sie online nachlesen. Dort, im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«, alberte ich kurz vor der kleinen Kolumnen-Pause auch: »›Wo bin ich?‹, wenn ich keine Kolumnen schreibe? Einzige Hilfe: Jay Jay hat dort gespielt.« Einige Blog-Leser rätselten, die meisten tippten auf England (wegen Okocha in Bolton und Hull), aber es war Fenerbahce, was kein Vereinsname ist wie Borussia oder Eintracht, sondern ein Stadtteil von Istanbul.
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Eine lehrreiche Reise. Seitdem vermute ich, dass die Türken und Griechen viel mehr Gemeinsamkeiten haben, als sie glauben und wünschen (womit ich heute nicht nur bei Fußball-Fans, sondern auch bei Griechen und Türken untendurch bin).
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Abgesehen von ähnlichem Lebensstil und manchen Äußerlichkeiten würden auch die Türken als Gastgeschenk in die EU eine große Kultur und gewaltige Probleme mitbringen. Allerdings haben sie zumindest zwei Probleme auf ihre geniale Weise schon gelöst, die bei uns noch große Themen sind: Schmutz und Lärmbelästigung. Zwar wirft fast jeder seinen Kleinmüll wie Joghurt- oder Kaffeebecher achtlos einfach auf die Straße, aber dort warten dann schon zwei von vielen, vielen fleißigen Händen nur darauf, den Dreck per Besen und Kehrschaufel zu beseitigen, was sich als ebenso genialer Nebeneffekt auch günstig auf die Arbeitslosenquote auswirkt.
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Frappierend, aber vielleicht nicht Fraport-machbar, ist auch die Lösung des Fluglärmproblems. Zwar schweben die Jets im Minutentakt mitten über Istanbul gen Airport ein, aber völlig geräuschlos, denn im allgemeinen Lärmpegel in der Stadt hört man von ihnen keinen Ton. Im Gegensatz zum Muezzin. Wenn der in Istanbul loslegt, hat er mehr Dezibel drauf als alle in Frankfurt an einem Tag startenden und landenden Flugzeuge zusammen. Aber das ist … na, Sie wissen schon. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle