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Sport-Stammtisch vom 1. November

Doch noch ein paar letzte Worte zum sinkenden Schiff und den Ratten, die es verlassen: Erstaunlich ist, dass Armstrong, der große Patron, der allmächtige Pate, überhaupt untergeht. Das System galt als unsinkbar. Gar nicht erstaunlich aber, dass alle, die von und mit ihm gut und gerne lebten, ihn nun verlassen und verdammen. That’s life, Lance!

Vom Weltsportmarktgiganten Nike bis zum Weltradsportverband UCI tun alle überrascht und enttäuscht. Immer das gleiche Muster. Nicht der Doper ist pervers, sondern die Welt, die von ihm lebt, das Dopen fürstlich belohnt und das Auffliegen mit der Höchststrafe ahndet. Zum Hohn verkaufen sie uns auch noch für dumm, wollen uns weismachen, dass sie nichts von dem ahnten, was sogar in einer kleinen mittelhessischen Sportkolumne wieder und wieder zu lesen war – und zwar schon lange, bevor medial die ersten Verdächte artikuliert wurden.
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Ich will nicht nachkarten und alle die Irrungen und Wirrungen auflisten, die sich große und erklärtermaßen klug-kritische Medien geleistet haben. Dass aber alle, alle auf die Krebsbesieger-Story an- und aufsprangen, bleibt ein schlimmes, ja ein furchtbares Ärgernis. »Ich habe den Krebs besiegt« – als wären die Opfer dieser Krankheit Verlierer, die sich nur ein bisschen mehr hätten anstrengen müssen.
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»Ich habe den Krebs besiegt.« Vor Armstrong gab es diesen Satz nicht, seitdem breitet er sich epidemisch aus, er sollte mit Armstrong verschwinden.
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Armstrong sagte auch, und dass sich niemand daran störte, war und ist ein Skandal: »Verlieren ist wie sterben.« In diesem ebenfalls grundbösen Satz steckte eine finstere Logik: Wem Verlieren vorkommt wie sterben, der kämpft gegen das Verlieren mit den gleichen Mitteln wie gegen den drohenden Krebs-Tod, mit unbändigem Willen, besten Ärzten – und allem, was die Chemie zu bieten hat. Eine simple Logik, doch als ich sie aussprach, in Zeiten früher Armstrong-Verklärung, galt sie als infame Majestätsbeleidigung.
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Der Soziologe Thomas Druyen hat ein Buch geschrieben und ihm den Titel »Krieg der Scheinheiligkeit« gegeben. Im »Zeit«-Interview sagt er: »Die Scheinheiligkeit breitet sich epidemisch aus und ist für mich die größte Blase des beginnenden 21. Jahrhunderts.« Ich glaube, der gute Mann täuscht sich, denn irgendwann platzen Blasen. Die aufgeblasene Scheinheiligkeit jedoch breitet sich zwar aus, platzt aber nie und bleibt allgegenwärtig.
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Zu schlechter Letzt: Nicht alle verdammen Armstrong. Kein »Patron« früherer Tour-de-France-Tage zeigt sich überrascht und enttäuscht. Wenn sie sich äußern, was sie selten tun, zeigen sie Verständnis. Sogar Miguel Indurain, einer der Größten und Ehrenwertesten, verteidigt Armstrong. Denn sie wissen, was sie getan haben – in jeder Beziehung das Gleiche, nur nicht so perfekt wie der Perfektionist Armstrong.
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Haben sich um die Jahrtausendwende edle Pedalritter in kriminelle Doper verwandelt? Quatsch, quätscher geht’s nicht. Nicht der Radsport hat sich verändert, sondern unserWertemaßstab. Der wird um so unerbittlicher bei anderen angelegt, je gnädiger man mit dem eigenen Wertedefizit umgeht. Doch das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Doping nur am Rande zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle