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Von guten und schlechten Goldgräbern

Liebes Eintracht-Tagebuch, schon als kleiner Junge gab es ein Thema, das mich bis heute fasziniert: die Suche nach Gold! Stundenlang las ich Geschichten oder schaute Filme, die sich um Goldgräber drehten. In denen raue Typen mit wettergegerbten Gesichtsfurchen tagelang in irgendwelchen Flüssen standen, um dort mit schimmeligen Waschsieben Schlamm nach dem wertvollen Glitzerzeug zu durchsuchen. Und die erst dann richtig Feierabend machen konnten, wenn sie am Ende des Tages auch noch irgendwelche hinterlistigen Konkurrenten mit ihrem Bärenmesser beseitigt hatten, bevor diese ihnen ihren kleinen Stoffbeutel mit den frisch ersiebten Goldklümpchen klauen konnten. Es sei denn, dass man sie selbst auch als hinterlistige Konkurrenten betrachtete, dann wurden eben sie beseitigt.

Da mich das Thema nie wirklich losgelassen hat und auch jetzt noch interessiert, habe ich im Laufe der Jahre immer wieder mal etwas darüber gelesen. Auch heutzutage wird weltweit nach wie vor mit großer Intensität nach Gold gesucht. Nicht nur in den Ablagerungen von Flüssen, auch in Gebirgssteinen, in Sand, ja sogar, in dem man Dental- und Schmuckverarbeitungsabfälle oder Elektronikschrott recycelt. Ob in Süd-Afrika, den USA, Australien oder Russland, überall sind Menschen damit beschäftigt, Gold zu finden.

Und auch heute geht es dabei längst nicht immer nur seriös oder legal zu, immer noch müssen Menschen im Zusammenhang mit Gold sterben. Ob bei Überfällen, bei hart geführten Auseinandersetzungen um besonders ergiebige Goldadern, oder weil man Sklaven so lange in unterirdischen Minen arbeiten lässt, bis diese tot umfallen.

In der Bundesliga ist das ähnlich, da suchen sie auch alle ständig nach Gold. In Form von besonders talentierten jungen Spielern. Okay, Tote gibt es da eher weniger, aber ansonsten geht es mitunter doch schon recht rau zu. Und auch wenn die Männer, von denen ich spreche, offiziell »Scouts« oder »Spielervermittler« heißen, sind sie im Prinzip doch nichts anderes als Goldsucher. Sie suchen unentwegt, weltweit. Checken jeden Hinweis. Sei es, dass es da einen hochbegabten Jungen in einem Kaff hinter Limburg geben soll, ein Fußballwunderkind in Peru oder einen unglaublichen Mittelfeldspieler in der F-Jugend des dänischen Drittligisten Fortuna Hjørring. Jede auch nur halbwegs brauchbare Spur wird verfolgt. Und weil die Konkurrenz natürlich auch von diesem oder jenem Wind bekommen hat, und das Geschäft hart ist, kauft man gerne auch schon mal sicherheitshalber einen Fünfjährigen seinen Eltern unter Zuhilfenahme unübersichtlicher Verträge ab, oder bindet irgendwelche armen Talente aus der Dritten Welt lebenslang an ihre manchmal komplett seriositätsfreien Firmen.

Es wird bestochen und gelogen und das schönste aller Blaus vom Himmel versprochen. Ja, die Fußballgoldgräberlandschaft ist brutal, viele ihrer Mitglieder sind ausnahmslos zielorientierte, mitleidslose Wesen, die zu allem Überfluss auch noch regelmäßig danebengreifen und deren vermeintliches Gold sich schnell als billige Kupferfälschung entpuppt.
Wie gut tut es da, wenn es auch mal welche gibt, die sich von all dem unbeeindruckt zeigen, und nicht da nach Gold graben, wo das alle tun! Sondern dort, wo sie ihr Bauchgefühl hingeführt hat. Und die dann auch noch tatsächlich genau da fündig werden!

Armin Veh und Bruno Hübner sind so zwei. Sind eine Saison lang durch die verkannte Goldmine »Zweite Liga« gelaufen, haben sich alles genau angeschaut, und vor allem gut gemerkt, an welchen Stellen da das echte Gold lag und wo die Attrappen. Um dann ein paar Wochen später in aller Seelenruhe und vollkommen unbeachtet vom Rest der deutschen Fußballwelt, dahin zurückzukehren und die Schätze einfach einzusammeln: Trapp, Aigner, Inui, Zambrano oder Occean. Und sich auf dem Rückweg noch die Zeit nahmen, auch noch mal kurz zu gucken, welches unerkannte Edelmetall beim ein oder anderen Erstligaklub so auf der Reservebank unbemerkt vor sich hin funkelt: Oczipka, Celozzi oder Lanig.

Dass der Trainer dann auch noch aus all diesem Rohmaterial in recht kurzer Zeit glänzenden Schmuck angefertigt hat, zeigt, dass er nicht nur ein extrem schlauer Goldsucher, sondern zudem auch noch ein ausgesprochen geschickter Goldschmied ist. Und so einen, liebes Tagebuch, haben wir bei der Eintracht lange nicht mehr gehabt…!
Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle