Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 21. Oktober, 6.50 Uhr

Die BVB-Niederlage schmerzt mehr, als der Eintracht-Sieg freut. So ändern sich auch die eigenen Zeiten. Greift wieder der alte Mechanismus, dass der Klub, an dem das meiste eigene Herzblut klebt, über kurz oder lang den Bach runtergeht? Zum Glück habe ich nichts davon gesehen, auch den Löw-Auftritt im ZDF nicht. Wie war er? Kleine Freude am Rande: Magath verliert weiter.

An Tagen wie diesen wird es besonders schwierig, Montagsthemen zu schreiben. Bisher nur kleine Notiz zu einer Genmais-Studie (als Beitrag zur irren Statistikei) und zum Fußball-Kulturpreis für Scholls Wundliegen-Spruch. In den Nachtmeldungen: 5 Tote durch Geisterfahrer auf der A 46 bei Hagen. Irritierendstes Detail: Im Wagen des Geisterfahrers saßen vier Menschen. Und: Rosa von Praunheim wird 70. Einer der unangenehmer wirkenden Vertreter seines Homo-Fachs. Hat er nicht den lieben Hape Kerkeling zwangsgeoutet?

Muss gleich 25 Brötchen und zwei Schoko-Croissants kaufen. Schlafen alle im Haus, über drei Stockwerke verteilt. Nicht die Brötchen, sondern ihre demnächstigen Esser. Und wer arbeitet, mutterseelenallein, schreibt sich die Finger wund? Ha!

Faust II. Am Donnerstag im Schauspiel Frankfurt. Früher mal Urfaust, Faust I und Faust II  mit Eifer gelesen, verschlungen wie Bill Jenkins- und Tom Prox-Hefte, und fast so begeistert wie von Karl Mai. Nee, das war ja ein 54er-Weltmeister. Karl May also. Jedenfalls: Bin kein völliger Faust-Banause. Seit über 50 Jahren ein Faust-II-Zitat im Kopf, als eigene Mahnung: Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen / der sich nicht nach Erwünschtem törig sehnte / vom höchsten Glück woran er sich gewöhnte / die Sonne flieht er / will den Frost erwarmen. War auch ein guter Spruch, um ihn in Poesie-Alben zu schreiben. Spontan fiel einem da ja nichts zu ein. Führen Mädchen heute überhaupt noch Poesie-Alben? Ja, nur heißt es heute Facebook?

Faust II also. Klar, dass dieses Welt- und Geschichtsspektakel ohne greifbaren roten Faden, ohne voranschreitende Handlung und mich damals, im Gegensatz zu Faust I, nicht wegen der Handlung, sondern mit einleuchtenden oder gedankenschwer scheinenden Satzfragmenten beeindruckend, auf der Bühne schwer vorstellbar ist. In Frankfurt konzentrierten sie sich auf Akt drei und fünf, den Mephisto gab eine coole Frau im Frack, den Faust ein erkennbar cool-blasiert wirkend wollender Schauspieler, der vorab die schlechtesten Kritiken bekommen hatte. Einen roten Faden gab’s: Helena. Deren arme Schauspielerin musste zweieinhalb Stunden lang splitternackt auf der Bühne rumturnen. Am Schluss legte sie sich nackisch hin und starb, Faust zog sich auch nackisch aus und starb ebenfalls.  Warum, wieso, und was dazwischen alles geschah? Fragen Sie einen Berufeneren. An frühere Aufsatzthemen erinnernd, dachte ich: Wenn unsere Abi-Klasse dieses Stück hätte sehen und anschließend eine Inhaltsangabe mit Interpretation hätte schreiben müssen, hätten von 22 Schülern 21 schon früh ein leeres Blatt abgegeben, nur einer hätte sich bis zum Abgabetermin in der sechsten Stunde  hingesetzt und geschrieben, was das Zeug hält.  Nur Kokolores, bei Adam und Eva anfangend und bei Bienen und Bestäubung endend. Irgendwas halt. Ist mein größtes, einziges ”Talent”, hat mich in der Schule oft gerettet.

Als der Vorhang fiel, gab es “enden wollenden Beifall” (FAZ nach der Premiere) für eine “Vollkatastrophe” (FR). Bei der ersten Beifall-Abholung war der Applaus beim Faust-Darsteller am geringsten, der lief  nicht mit den anderen nach hinten, um zum zweiten Beifallabholen zurückzukommen, sondern ging beleidigt gemessenen Schrittes zur Seite ab und ward nicht mehr gesehen. Seine beste schauspielerische Leistung, denn alleine sein Rücken drückte unmissverständlich aus: Ihr Banausen, ich könnt mich mal!

Aber es war kein Theaterskandal. Den gab es in Konstanz, hinter den Kulissen, und unser alter Freund Christian Lugerth spielt dabei eine Rolle, als sein Gegenspieler auch ein anderer Theatermann aus dem mittelhessischen Raum (Christoph Nix). Lugerth hat eine Presseerklärung herausgegeben, hier haben wir den Platz dazu, sie vollständig abzudrucken, und die Leser, die sich dafür interessieren.

Im Anhang eine zusammen mit meinem Anwalt verfaßte Presseerklärung zu den Vorfällen am Theater Konstanz bezüglich der Produktion “Lametta.”

Weitere Nachfragen richten Sie bitte an:

 info@berrisch-wagner.de

 und / oder

 christian@lugerth.de

 Links zu den in der Presseerklärung angesprochenen Besprechungen:

 http://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/Dialektgewitter-statt-Lamettaregen;art372448,5716490

 http://www.seemoz.de/kultur/frohes-fest-in-petershausen/

Christian Lugerth hat sich gegenüber dem Theater Konstanz vertraglich zur Neuinszenierung des Stückes „Lametta“ von Fitzgerald Kusz verpflichtet. Die Premiere fand am 6. Oktober 2012 im Festsaal des Zentrums für Psychiatrie statt und wurde ausgesprochen positiv aufgenommen und rezensiert.

 In der Nacht von Sonntag, dem 7. Oktober 2012, auf Montag, den 8. Oktober 2012, wurde Christian Lugerth per SMS von der Regie der Produktion „Lametta“ am Stadttheater Konstanz entbunden. Es war geplant, daß er die Produktion vom 19. bis 22. November für eine weitere Premiere am 23.11.2012 für die Bühne  des bis dann – hoffentlich – sanierten Theaterhauses überarbeiten und einrichten sollte. Außerdem sollte er die technisch und organisatorisch notwendigen Änderungen an den bis Mitte November gebuchten Außenspielstätten betreuen.

 Dies ist nun nicht mehr möglich. Es ist eine Entscheidung der Theaterleitung, die Christian Lugerth – unter rechtlichem Vorbehalt – akzeptiert, nicht jedoch die Art und Weise, wie ihm diese Entscheidung mitgeteilt wurde, sowie die Umstände, die dazu führten.

 Mario Portmann, Oberspielleiter des Theaters und Beauftragter des Intendanten, sandte die oben genannte SMS, mit der Information, daß sich ab sofort Herr Carl – Hermann Risse um „Lametta“ kümmern werde. Die Möglichkeit Lugerth in Kenntnis zu setzen oder ihn zu einem Gespräch zu bitten, ließ der Oberspielleiter leider ungenutzt verstreichen.

 Herr Portmann selber hatte am Dienstag, den 2. Oktober, die erste Hauptprobe von „Lametta“ gesehen, und in der gemeinsamen Auswertung mit dem Produktionsdramaturgen und Lugerth, diese als „gestochen scharf“ und „präzise gearbeitet“ und „im Hinblick auf die Übernahme ins Theater, als auf dem richtigen Wege befindlich“ bezeichnet..

 Anläßlich der Premiere wechselte Lugerth mit dem Intendanten freundliche Worte. Seitdem hat dieser nicht versucht, in irgendeiner Art und Weise mit Lugerth Kontakt aufzunehmen, obwohl er öffentlich (seemoz konstanz) bedauerte, daß kein Gespräch mit Lugerth zu Stande gekommen sei.

 Zusammenfassend: Das Theater Konstanz, in Person des Intendanten, der dieses Stück ausgesucht hat, hat Lugerth das Stück „Lametta“ angeboten. Er hat angenommen. Das Theater hat den Auftrag gegeben, das in fränkischer Mundart geschriebene Stück dem Konstanzer Sprachraum anzupassen. Das hat Lugerth getan. Das Theater Konstanz hat ihn als Konstanzer engagiert, um das Stück in Beziehung zu seiner Heimatstadt zu setzen. Das ist erfolgt. Die Premiere sowie ein zweite Vorstellung am Folgetag fanden – wie von Lugerth erarbeitet – statt. Dann griff die Theaterleitung ein

Nicht zuletzt der eklatante Verstoß der Theaterverantwortlichen gegen ausdrücklich schriftliche Vertragsvereinbarungen sowie deren mangelnde Kommunikationsbereitschaft veranlaßten Lugerth zur Beauftragung eines Rechtsanwalts. Dieser forderte die Theaterverantwortlichen unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die klaren und bindenden vertraglichen Absprachen auf, es zukünftig bei Meidung einer Vertragsstrafe zu unterlassen, den Namen von Lugerth im Zusammenhang mit dem Stück und der entsprechenden Bewerbung zu nennen. Die Theaterverantwortlichen haben eine strafbewehrte Unterlassungserklärung, mit der alleine eine Wiederholungsgefahr ausgeräumt werden kann, ausdrücklich verweigert, und noch am 15. Oktober – wahrheitswidrig – behauptet, man sei den Unterlassungsansprüchen von Herrn Lugerth bereits nachgekommen. Der Intendant, erklärtermaßen selbst rechtskundig, sah vermutlich die rechtlichen Konsequenzen, sich aber auch außerstande, eine Streit vermeidende Erklärung abzugeben.

Ich möchte jedenfalls nicht in der Haut von Theatermännern stecken. Ob bei (aus meiner Laiensicht) erkennbaren Fehlleistungen (wie beim Faust-Mann) oder bei mysteriösem Hauen und Stechen hinter den Kulissen, das aber öffentlich ausgetragen wird, jedesmal wird eine aus tiefstem Inneren hervorgeholte darstellerische oder inszenatorische Leistung von anderen akribisch und manchmal hämisch auseinandergenommen und genüsslich auf der wunden Seele des Künstlers kleingehackt und in die Wundstellen reingedrückt, die noch lange eiternd schmerzen wird. Wie gut, dass ich nur Montagsthemchen und ähnliche kleine Kolumnen schreibe, die keinen Großkritiker auf den Plan rufen, keinen mies gelaunten Vorgesetzten, keinen Ränkeschmied, sondern im Regelfall ausschließlich freundlich gesinnte Leser, die sogar bei überzogener Albernheit oder seltsamer Begriffsverwirrung nur milde lächelnd kritisieren. Danke dafür. Und jetzt ran an die Montagsthemen. Was schreiben? Bei Adam und Eva anfangen, bei Bienen und Bestäubung enden? Aber erst Brötchenholen.

Baumhausbeichte - Novelle