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Sport-Stammtisch (vom 20. Oktober)

Alles ist gesagt, alles geschrieben, nichts erklärt. Zwar zeigen einige Deutungsversuche in die richtige Richtung, doch selbst wenn alle kritischen Befunde stimmen, vom schlingernden Trainer über fehlende »Männer«, Wohlfühl-Ambiente und notorische Abwehrdefizite bis zu meinen »Schönwetterfußballerchen« – das alles lässt gewiss einen fatalen Trend erkennen, aber der kann nur Niederlagen wie die gegen Spanien oder Italien erklären. Dass aber aus einem 4:0, das auch ein 8:0 hätte sein können, ein 4:4 wurde, das sogar 4:5 hätte enden können – es bleibt einfach nicht zu fassen.
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Nur der fatale Trend, der ist da und erhält neue Triebkraft. Schon der alte Lineker-Satz vom Fußball, bei dem am Ende immer die Deutschen gewinnen, wirkte manchmal wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Auch wenn es genügend Spiele gab, die Deutschland mit oder ohne Rumpelfußball verlor, der plakative Spruch hatte sich in den Köpfen von Freund und Feind festgesetzt und wirkte als leichter psychologischer Vorteil. Jetzt aber kehrt sich der Trend um: Egal, wie es steht, gegen Deutschland geht immer was. Fatal, fatal.
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Dennoch und noch einmal: Das große irre Ganze bleibt unerklärlich. Kleine simple Folgerungen aber erscheinen möglich: Im Abwehrchaos sind zwei Abwesende die Gewinner  – Hummels und Schmelzer. Über das Spiel wird man noch in Jahren reden, und die beiden Dortmunder können sagen: Wir sind nicht dabei gewesen.
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Zwei große Verlierer: Löw und Kroos. Der Bayern-Spieler mit dem Fuß eines Begnadeten und dem Gemüt eines Schaukelpferds war das Reiz- und Knackpunkt-Thema nach den beiden Traumaspielen gegen Italien (für Reus) und Schweden (für den verletzten Khedira). Den Ruf, sinnbildhaft für Stärken und vor allem Schwächen der Mannschaft zu stehen, wird er so schnell nicht los.
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Bei Löw hält sich das Mitleid in Grenzen. So wie er fußballerisch schlingert, schlingert er auch menschlich. Schon Kuranyi und Ballack waren Leidtragende, Podolski (die straflose Ohrfeige!) und ein kleiner Streber aus der ersten Bank Nutznießer, und mit dem menschlich vollends miesen Hinrichtungsversuch an Schmelzer hat er auch meine letzten Sympathien verloren. Daher schaue ich mir erst gar nicht an, wie er sich heute Abend im ZDF-Sportstudio im Gespräch mit Steinbrecher rausschlingert, einem weichgespülten Versteher-Bruder im Geiste.
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Keine Erklärung, aber vielleicht ein Symptom: Bevor die Nationalelf spielt, tauchen immer zwei Werbespots im Fernsehen auf: Friedlich-fröhliche Multikulti-Geselligkeit im DFB, weil: So schön sollte es halt sein, nicht wie die garstige Realität. Und dann der Spot mit Neuer und den Bender-Brüdern: Ball spielend mit einer Büchse, die Neuer fängt (ja, das kann er noch; nur: Im Fußball werden solche Sequenzen nicht so lange wiederholt, bis es klappt) und korrekt entsorgt, denn »da ist doch noch Pfand drauf!«. Im Hintergrund mahnt milde der Bundestrainer, die drei lieben Lausbuben erschrecken, machen schnell das Licht aus und gehen brav ins Bett. »Alles klar, Trainer!« Würden Balotelli oder Ibrahimovic solch einen biederen Internats-Schabernack als artige Vorzeigebübchen mitmachen?
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Anderes Thema, aber vielleicht nicht so ganz anders: die Förderdebatte im deutschen Leistungssport. Auffällig, dass die sogenannten Aktivenvertreter in ihrer Sprache kaum noch von der Funktionärskaste zu unterscheiden sind. Die einen bürokratiefaseln von »Zielvorgaben« und ähnlichen Anleihen aus dem Wörterbuch des Sportunmenschen, die anderen beweisen, dass sie auf dem Weg vom Sportler zum Funktionär schon weit vorangeschritten sind und/oder ein sehr deutsches Anspruchsrepertoire gut drauf haben. So ist für Aktivensprecher Christian Breuer, Ex-Eisschnellläufer und Politikstudent, »die vorwärtsgewandte Förderung von Potenzialen im bestehenden System sinnvoll«, und die Bahnradfahrerin Miriam Welte klagt: »Wir opfern extrem viel für den Traum, bei Olympia für Deutschland auf dem Treppchen zu stehen. Aber es kommt zu wenig zurück.«
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Da klingt sie wieder durch, die alte Leier. Vor allem Nischensportler fordern, dass ihnen auf dem Weg zu einer Medaille berufliche, gesellschaftliche und finanzielle Hindernisse aus dem Weg geräumt und sie nach dem Medaillengewinn bis ans Lebensende stattlich staatlich versorgt werden.
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Doch mit welchem Recht verlangen Sportler, die sich aufs Synchronspringen vom Turm, Tandemfahren auf der Bahn oder die Rodelstaffel (gibt’s wirklich!) kapriziert haben, dass die Allgemeinheit sie gefälligst so zu finanzieren habe, dass sie aus ihrem Hobby einen Beruf machen können, Garantierente inklusive? Nichts gegen diese und andere Sportarten, jeder mag darin seine Erfüllung finden. Aber Leistungssport jeder Art ist ein individuelles Abenteuer mit Risiken und Nebenwirkungen, für die man nicht die Gesellschaft haftbar machen kann. Es sei denn, diese geht für ein paar Medaillen mehr auch gerne über ihre eigene Leiche.
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Oh. Zu viel geschimpft? Zu negativ? Zu guter Letzt zwei schwedische Trostpflästerchen für die geschundene deutsche Fußballseele. Olsson: »Die Mannschaft, gegen die wir in den ersten 60 Minuten gespielt haben, war die bei weitem beste, gegen die ich jemals gespielt habe.« Ibrahimovic: »Wir haben wahrscheinlich gegen den Weltmeister von 2014 gespielt.«
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War also alles gar nicht so tragisch. Löw: »Das Spiel ist irgendwie aus dem Ufer gelaufen.« Das renken wir doch wieder ein, dieses bisschen Ufer.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle