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Tolles Spektakel (2) (Anstoß vom 18. Oktober)

Wer gestern die »Anstoß«-Überschrift »Tolles Spektakel« las, konnte sie nur als Kurzkommentar zum völlig verrückten Schwedenspiel verstehen. Doch sie wurde vor dem Anpfiff geschrieben, und der Text dazu befasste sich mit dem Ballyhoo um den Ballonspringer.
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Ballyhoo: 1. ein Fisch aus der Familie der Halbschnäbler (Halbschnabelhechte) / 2. eine marktschreierische Werbung, die vor allem das Ziel verfolgt, den Preis für ein Produkt auf dem Markt hochzutreiben (Wikipedia)
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Was dann in Berlin ablief, erwies sich als ein noch tolleres Spektakel, ganz ohne Ballyhoo. Allerdings mit deutschen Halbschnäblern: Zur Hälfte tolle Hechte, in der anderen Hälfte ganz kleine Fische.
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Spektakel: schauspiel, schaustellung, aufsehen erregender vorfall, dann schimpf, schande, zuletzt lärm (…) oft mit dem beisinn des seltsamen, merkwürdigen, wunderbaren. (Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Erstausgabe 1854)
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Über das Warum und Wieso zerbricht sich halb Deutschland die Köpfe. Von Bierhoff bis zu den Stammtischen wollen jetzt alle »knallhart analysieren«. Aber bitte – was denn? Solch einen Spielverlauf gab es noch nie, er ist rational nicht fassbar, auch fußballerisch nicht. Zu analysieren wären der Rausch bis zum 4:0 und der 0:4-Kater danach, aber diese zwei Hälften lassen sich nicht zu einem Ganzen zusammenanalysieren. Sie sind bestenfalls psychoanalysierbar, wahrscheinlich aber nur kaffeesatzlesbar.
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Toll: früher auch doll, des oder wie des verstandes und bewusztseins beraubt, thöricht, unvernünftig, stumpfsinnig, wirre, dumm, wunderlich. (Grimms Wörterbuch)
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Klar, jeder weiß, dass die deutsche Offensive Weltklasse-Potenzial hat, die Defensive aber latent zum Wackeln neigt. Aber solch ein Zauberfußball, solch ein Zusammenbruch?
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Toll drückt aber auch gute Eigenschaften aus, indem der Begriff übergeht in (…) zum verwundern gut, stattlich, tüchtig, gewandt, wacker, brav u. dergl. (Grimms Wörterbuch)
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Erst als italienische Schlachtensänger deutschen Hosenscheißerle den Marsch bliesen, tauchte landesweit die bange Frage auf, die in unserer kleinen mittelhessischen Kolumne schon früh gestellt wurde: Sind Löws Bubis nur Schönwetterfußballerchen? (Sport-Stammtisch im September)
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Die Frage bleibt, die Antwort dämmert schon am brasilianischen WM-Horizont.
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Tugend: griech. arete, latein. virtus, ursprünglich Tauglichkeit oder Tüchtigkeit. Die vier Kardinaltugenden Platons (…) Weisheit, Besonnenheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit. Heute ist T. der Inbegriff sittl. Charaktereigenschaften. (Brockhaus, Ausgabe 1958)
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Die Wandlung der deutschen Fußballtugenden: Vom Rumpel- zum Zauberfuß, vom furor teutonicus zum schwärmerischen Schöngeist, vom tapferen Gegenhalten zum furchtsam ins Bockshorn jagen lassen. Elf Schönwetterfußballerchen müsst ihr sein, um euch von den Balotellis und Ibrahimovics einschüchtern zu lassen.
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Endlich hat toll auch active bedeutung, toll machend: aszen wir von jener tollen wurzel, die die Sinne betört? (Schiller) siehe Tollapfel, -beere, kirsche, -kraut (Grimm)
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Bringt uns der alte Grimm auf die richtige Spur? Von welcher tollen Wurzel waren unsere Jungs vergiftet? Wer hat ihnen die schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna) in den Pausentee getan? Hoch giftig, schnell wirkend, Kopf und Fuß lähmend.
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Das muss es gewesen sein und erklärt das scheinbar Unerklärliche. Falls nicht, und falls das Schwedenspiel kein Unfall war, sondern die Fortsetzung eines neuen deutschen Tugendtrends, dann … ja, dann kommt Deutschland bei der WM 2014 ins Finale!
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Allerdings wieder nur ins kleine Finale. Und verliert das Spiel um Platz drei unglücklich. Nach einem tollen Spektakel. Endergebnis: 5:7. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle