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Wann man autogenes Training braucht und wann nicht

Liebes Eintracht-Tagebuch, seit einiger Zeit mache ich autogenes Training. Das hilft mir in sehr ereignisreichen oder auch stressigen Zeiten, meine unruhige Seele runterzufahren. Man kann das machen, in dem man sich in einen dunklen Raum legt und irgendwelche Formeln murmelt oder diese einfach auch nur denkt. Man kann leise ruhige Musik hören, Wasserfallgeräusche, Bächleingeblubber oder Walgesänge … wie man mag.

Ich selbst bevorzuge eine CD mit asiatisch klingender Musik, wobei die Produktionsfirma in Böblingen sitzt, was jetzt meines Wissens nach außerhalb Asiens liegt, auch wenn der dortige Dialekt für mich jetzt nicht wirklich leichter zu verstehen ist als beispielsweise Chinesisch-Mandarin oder Vietnamesisch. Jedenfalls spricht zu dieser Musik ein Mann mit extrem sonorer Stimme. Der beruhigt mich dann und erklärt mir, dass meine Arme und Beine jetzt ganz schwer sind, und irgendwann später dann, dass sie ganz warm und leicht sind. Anfangs war ich misstrauisch, mittlerweile mache ich das aus Überzeugung. Weil es mir tatsächlich hilft, und weil man das auch mal in akuten »Notfallsituationen« machen kann.

Am Sonntagnachmittag zum Beispiel war so eine »Notfallsituation«. Deswegen bin ich unmittelbar nach Gladbachs zweitem Tor in mein Schlafzimmer gerannt, habe meinen iPod geholt und mir schnell die Kopfhörer aufgesetzt. Tagebuch, das war der Hammer. Du siehst das eigentlich schlechte Spiel, aber der Typ in deinen Ohren erzählt dir, dass alles gut ist! Das ist ein bisschen wie kiffen … nur akustisch halt.

Nachdem das Spiel bereits rum war, hab ich die CD noch bis zum Ende gehört. Als ich die Kopfhörer dann abgenommen habe, war ich gespannt, welche Stimmung jetzt in mir vorherrschen würde. Zu meiner Erleichterung war es immer noch die entspannte, ruhige. Was ich natürlich wieder mal dem autogenen Trainings-Onkel mit seiner Pornofilmstimme zugeschrieben habe.

Komisch war nur, dass ich auch viele Stunden später immer noch so ruhig war. Und tags drauf auch noch. So nachhaltig hatte die CD bislang noch nie gewirkt! Als ich später im Supermarkt einkaufen war, sprach mich ein älterer Herr an, der anscheinend um meine Liebe zur Eintracht sowie um meine Kolumnenschreiberei wusste. Er nickte mir höflich zu, stellte sich als ebenfalls jahrzehntelangen Eintracht-Fan vor, um mich dann vorsichtig und freundlich zu fragen, ob ich die Niederlage denn schon verkraftet habe. »Ja, ich denk schon. Und Sie?« »Hm, des Einzische, was daran blöd is, dass mer jetzt Schalke so dicht im Nacke ham!« Kurz drauf standen zwei Vollbekloppte vor dem Regal mit den Essiggurken und lachten sich minutenlang kaputt. Denn hätte uns vor Monaten mal jemand gesagt, dass Schalke und Dortmund zu unseren ärgsten Verfolgern gehören werden, hätten wir ihn zweifellos auf der Stelle betäubt, um ihn widerstandslos in die nächste Psychoklinik zu bringen. Was heißen soll, dass die Eintracht in Gladbach zwar verloren hat, was bei rund 70 Prozent Ballbesitz und einem eigentlich offensichtlich derzeit limitierten Gegner natürlich zu vermeiden gewesen wäre. Trotzdem war die Niederlage nicht unverdient, so pazifistisch, wie unsere Jungs dort im Angriff agiert haben. Aber warum ich auch ohne autogenes Training trotzdem ruhig geblieben wäre, war dieses Gefühl, dass nichts wirklich Schlimmes passiert ist und die Mannschaft das locker wegstecken wird.

Als ich übrigens nach meinem Supermarkteinkauf auf dem Parkplatz zu meinem Auto lief, traf ich den Mann ein zweites Mal. »Ich hab ganz vergessen, Sie zu fragen, wie Ihr Tipp gegen Hannover ist!«, sagte ich. »Hm … ein konkretes Ergebnis hab ich net im Kopp. Aber als direkter Konkurrent in Sachen Europa League sollte mer se schon schlache …!« Kurz drauf saßen zwei Vollbekloppte auf der Motorhaube meines Wagens und lachten sich erneut kaputt.
Du siehst, liebes Tagebuch, es sind nach wie vor gute Zeiten für Eintracht-Fans. In diesem Sinne.  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle