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Sonntag, 7. Oktober, 6.30 Uhr

Denkste. Vor einer Woche gedenkst, zum letzten Mal sonntags um diese Zeit durch die Dunkelheit in die Redaktion gefahren zu sein, schon bricht der “Tunnel” zusammen, ich muss die Pantoffel aus-,  die Autoschuhe anziehen und in die Redaktion brettern. Unten, im größten Ort der Großgemeinde, nur ein Fahrzeug unterwegs (oben, im kleinsten, sowieso keines) – auf dem Trottwa, dem Trottoir, dem Bürgersteig düst eines dieser Altenfahrzeuge. Wohl auch auf seniler Bettflucht. Wie heißen die bloß, diese verkehrstauglichen Elektro-Rollstühle? Vor der Stadt dann noch einmal der immer wieder erstaunliche Anblick eines Riesenstaus im stockdunkelnächtlichen Sonntagfrühmorgen. Und immer wieder die erst Sekunden später dämmernde Aha-Erkenntnis: Es sind die Aussteller der Antik&Trödel-Messe, der an jedem ersten Sonntag im Monat seinen Stau vorausschickt. “Antik&Trödel” statt Flohmarkt – schönes Beispiel für einen Euphemismus.

Sitzend am Arbeitsgerät der allerliebsten Zielgruppe, dämmert eine weitere Erkenntnis: erschwerte Arbeitsbedingungen, kein Kuli da, um Notizen und Gliederung (ja, mach ich wie früher beim Aufsatz in der Schule) für die Montagsthemen zu schreiben (nur im Blog blubbere ich ungegliedert vor mich hin). Die Kollegen schließen alles weg. Hat wohl seine Gründe, kuligebrannte Kinder.

Auch im hingeblubberten Blog wimmelt’s von “gedenksteter” Alberei und Ironie. Dabei leben wir in einer postironischen, sich selbst toternst nehmenden Zeit. Oder todernst? Mich totdernst nehmend, würde ich das Wort erst schreiben, wenn ich es überprüft hätte. Auch am Samstag im Sport-Stammtisch war wieder Ironie dabei. Der “Sonnenkönig” … na ja, gestern abend, als ich den Tunnel überprüfte und er seltsamerweise kurzfristig freigeschaufelt war, konnte ich eine Kritikmail noch schnell in die Mailbox stellen (Link rechts). Ist jetzt was Neues drin? Mal gucken, Moment mal. …… Halli Hallo, Haben Sie Erektionsstörungen die sie einfach nicht mehr hinnehmen wollen? Also nur die übliche Pimmelei. Nächster Blick, in die Nachrichtenagenturen: Nix los, still ruht die nächtliche Welt. Gut so. Im Sport nur ein Nachbericht zum Nowitzki-Gastspiel in Berlin. In der leider immer üblicher werdenden Manier: Nowitzki “blass” und “enttäuschend”, wie ganz Dallas. Liebe Kollegen, die haben noch keine Saison! Das sind erste Trainingseinheiten! Aber da ist wohl Hopfen und Malz verloren, wie bei den kritischen Berichten über Vorsaisontestspiele der Fußball-Bundesligisten. Wäre Nowitzki, sagen wir mal, Diskuswerfer, würden sie schreiben: Er gewann den Wettbewerb mit 59 Metern, verfehlte seine Bestleistung aber um elf Meter soundsoviel. Die alte, ärgerliche Leier. – So, das war’s als Warmgeschriebenes, jetzt geht’s an die richtige Arbeit. Beginnend mit Kulisuche. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle