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Montagsthemen (vom 8. Oktober)

Nowitzki-Gastspiel in Berlin. Trubel und Jubel um den in jeder Beziehung größten deutschen Sportler der Gegenwart. Dazu ein Testspielchen-Sieg gegen eine schon in vollem Saft stehende deutsche Spitzenmannschaft. Und was schreiben die Agentur-Kollegen? Nowitzki »blass« und »enttäuschend«, wie ganz Dallas. Liebe Leut’, die haben noch keine Saison! Das sind allererste Trainingseinheiten! Aber da ist wohl Hopfen und Malz verloren. Wäre Nowitzki, sagen wir mal, Diskuswerfer, würden sie schreiben: Er gewann den Wettbewerb mit 59 Metern, verfehlte seine Bestleistung aber um elf Meter soundsoviel. Die alte, ärgerliche Leier.
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De mortuis nihil nisi bene, wie der Lateiner doppelt verneinend, also um so bejahender fordert, wenn es um die respektvolle Würdigung Toter geht. Schwierig, sich daran zu halten, wenn eine Nachrichtenagentur schon tot war, als sie aus zwei siechenden Vorgängern (ddd und AP) geboren wurde. Die dapd ist pleite, und wenn man unbedingt etwas Gutes sagen will: Wer dapd kannte, wusste dpa oder sid zähneknirschend zu schätzen. Also ein Abschied ohne Bedauern – außer für die vielen abgeworbenen Kollegen, die sich auf das gut bezahlte Himmelfahrtskommando eingelassen hatten.
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Abschied von dapd, von Schumi (der zweite), von Ballack (der überfällige), von Schmitt (der hinausgezögerte), von Neururer (der angedrohte), von … nein, selbst zynische Ironiker werden die echten tragischen Abschiede der letzten Tage nicht in einer Reihe mit diesen Karriereabschlüssen aufzählen. Auch Ironie hat Grenzen, zumal für den Altironiker in unserer neuen postironischen Zeit.
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Neururers angedrohter Abschied ist (Vorsicht, Ironie!) besonders tragisch, weil ihm der verdiente Erfolg verwehrt bleibt. »Wenn wir ein Quiz machen würden unter allen Trainern in Deutschland, wer am meisten Ahnung hat von Trainingslehre, Psychologie, und der Trainer mit den besten Ergebnissen kriegt den besten Klub – dann bin ich bald bei Real Madrid«, behauptete er einst, und das war keine Selbstironie, sondern ernst gemeint.
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Auch Lothar Matthäus ist ein Pionier der postironischen Zeit. In seiner Biografie (nachzulesen bei bild.de, darauf aufmerksam gemacht worden von der FAS, soviel zur korrekten Quellenangabe) klärt er Grundlegendes: »Egal, wo ich in Italien hinkomme, ob auf Sizilien, in Rom, in Verona oder selbst beim Italiener in München – ich habe dort einen Spitznamen: Il grande. Der Große. Wer in Italien ›grande‹ sagt, meint ›Grande Lothar‹. Nur hier, in Deutschland, bin ich ›der Loddar‹«.
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Wenn die höchste Ausprägung  der Postironie jene ist, selbstironisch zu sein, ohne es selbst zu merken, dann ist Lothar Matthäus in der Tat »Il grande«. Loddar – Allmächtiger! Hilf! Ihm! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle