Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 6. Oktober)

Dass er von Sammer heimgesucht wird, könnte ja auch die späte Strafe für frühe Frankfurter Sünden sein. Doch die  Sache ist abgehakt. Dafür, dass ihm einer wie Sammer auf die Nerven geht, verdient Jupp Heynckes Mitleid und Sympathiepunkte.
*
Sammer. Ranschmeißer an den verbalschmissigen Zeitgeist. »Populistisch« (Heynckes), also mit platten Parolen in den Vordergrund drängend. Schon als Fußballer brachialer Wortführer und nicht Feinfuß. Aber bei seinem Kurzgastspiel in Mailand »lätscherte« er damals schlimmer vor sich hin, als er es heute den Bayern-Profis via Medien vorwirft. Sein Inter-Mitspieler und Zimmergenosse Ferri beschrieb ihn als deutschen Michel aus dem satirischen Bilderbuch: »Matthias hat sehr viele Probleme. Er kann ja nicht mal eine Krawatte binden. Er schläft am liebsten und sieht sich nur deutsche Sender an, sollte sich aber auch mal mit anderen Dingen beschäftigen. Doch er scheint sich für gar nichts zu interessieren.«
*
Was Uli Hoeneß umtreibt, ist ein Fall für die Tiefenpsychologie. Holt gönnerhaft einen Nerlinger, für den das Amt erwartungsgemäß eine Nummer zu groß war. Holt  scheinbar starke Charaktere wie Klinsmann, van Gaal oder Bauermann, lobt sie in höchsten Tönen, um sie dann vernichtend zu kritisieren und abzuschießen. Momentan spielt Sammer die Rolle des früh Hochgelobten. Ergebnis in allen Fällen: Nie war Hoeneß so wertvoll wie heute. Aber über all seinem Wirken schwebt  Sonnenkönig Franz.
*
Anderes Thema: Regelecke. »Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball mit seiner Hand oder seinem Arm absichtlich berührt. Der Schiedsrichter achtet bei der Beurteilung der Situation auf: Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand), die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwartetes Zuspiel), die Position der Hand (das Berühren des Balles an sich ist noch kein Vergehen).« Also: Freispruch für Subotic wegen erwiesener Unschuld in allen Punkten. Dass Dortmund im umgekehrten Fall ebenfalls Elfmeter gefordert hätte, ist kein Gegenargument. Wäre der Pfiff gegen den BVB keine Fehlentscheidung, sondern regelkonform, müsste demnächst bei drohender Niederlage ein Spezialist eingewechselt werden, der darauf trainiert ist, Gegenspielern im Strafraum an die Hand zu schießen. Am besten nimmt man dafür den vereinseigenen Schwalbenkönig, der dann doppelt gefährlich wäre.
*
Michael Schumacher, Michael Ballack, Martin Schmitt – drei Namen der Woche, ein Gedanke: Ihre Karriere war schon lange vorbei, bevor sie beendet wurde. Im Fall Schmitt: beendet wird. Ballacks lange Bedenkzeit, Schumis missglückter Comebackversuch, Schmitts Nichtaufhörenkönnen sind  menschlich nachvollziehbares Festklammern an erfüllende, faszinierende Jahre, gegen die alle folgenden zunächst grau und leer wirken. Damit in Würde fertigzuwerden, auch das ist eine leistungssportliche Aufgabe. Gelle, Boris!?
*
Politiker haben damit ebenfalls ihre Probleme. Wessen Name weiter strahlt, der kann ihn noch versilbern, indem er auf Promi-Vortragsreise von Versicherungs-Festakten bis Bank-Jubiläen geht und dort erzählt, was alle von ihm zuvor schon tausendmal gehört oder gelesen haben. Und für was sie sich alles aus dem Fenster lehnen! Joschka Fischer  sprach beim »Branchenforum Fenster und Fassade« zum Thema »Energieeffizienz«. Er ist nicht jung und braucht das Geld nicht, warum tut er sich das an? Nur um zu beweisen, wie energieeffizient man in einer Stunde viel Kohle macht?
*
Kleine Widerstände gibt es nur, wenn ein Ex-Politstar das Comeback vom Hinterbänkler zum Kanzlerkandidaten wagt. Aber das steht er locker durch, denn Krähen, die krächzen, hacken einander kein Auge aus.
*
Apropos Geflügel: Wiesenhof, der neue Trikotsponsor von Werder Bremen, geht in die PR-Offensive und sogar kritischen Fragen nicht aus dem Weg. »Haben Sie auch schon mal Mitleid mit den Hühnern im Schlachthof empfunden, die nach 30 Tagen filetiert werden?«, fragt die FAZ den Wiesenhof-Vorstand Peter Wesjohann. Antwort: »Das Leben ist vergänglich, der Tod gehört dazu.« Da lachen ja nicht mal die Hühner. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle