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Dr. Hans-Ulrich Hauschild über Blasphemie, Beschneidung und mehr

Dass man es über viele Jahrhunderte „anders“ machte ist noch kein Grund, es auch heute noch zu „machen“. Sie wissen das. So wie es einen naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fortschritt, zuweilen zum Nutzen der Menschen, gibt, so soll es in besonderen Ausnahmefällen, angestoßen von der deutschen, ja deutschen, Aufklärung, auch einen moralischen geben. Also Folter – oder das Verbot von Folter – gehört unstreitig zu diesen Fortschritten. Dass in diesem Zusammenhang Menschen in juristische, mehr noch moralische, Konflikte geraten, ist verständlich. Es geht in der Moral immer um den Grenzfall. Und Moral hindert nicht daran, so man es denn verantworten kann, sich auch anders zu entscheiden. Im Interesse der Moral.

Mehr dazu nicht. Oder doch: Sittengesetze – unverfügbar aber leider theoretisch – da nicht naturwissenschaftlich – nicht darstellbar – gelten und sie sind gleichsam gemacht für einen naturrechtlichen Grundtatbestand: die Unverletzbarkeit menschlicher Würde und Physis. Auch Verbrecher? Auch Verbrecher. Denn je nach Regime, Lust und Laune der Gesellschaft, können Sie, ich und der Nachbar schnell zum Verbrecher werden. Die wirklichen, wie jener Kindesmörder, müssen wohl einer „Sonderbehandlung“ unterzogen werden; nur darf dadurch die grundsätzliche Geltung des Verbotes nicht in Frage gestellt werden. Die Verantwortung hat der Einzelne.

Blasphemie? Paradies? Naturwissenschaftliches Glauben? Na, da beackern Sie ein Feld, das ich als schlicht uferlos (schiefe Metapher, bleibt aber stehen) bezeichnen will. Für heute dazu nur soviel:

Unser Christengott will nicht mit Äußerlichkeiten verehrt werden. Fundamentalisten verehren Äußerlichkeit, bleiben an Symbolen hängen; wohl mit der Absicht, das Eigentliche, nämlich die tätige Verehrung, was das ist, folgt sofort, vermeiden zu können.  Blasphemie ist es, seinen unverfügbaren, nicht hinterfragbaren Geboten hinsichtlich menschlichen Zusammenlebens, der Herbeiführung eines erträglichen Zustandes für alle, Mitmenschlichkeit, soziale Verantwortung der Reichen für die Armen, Nord für  Süd, Deutschland für Griechenland, auch wenn dort schwere Verfehlungen zu beobachten sind, nicht zu folgen. Unfassbar für mich ist es, Glauben, religiöses Handeln und den „Gottesdienst“ auf Rituale, den „Afterdienst“, wie Kant es ausdrückt, zu reduzieren. Glauben heißt moralisch handeln, sonst nichts. Dass es dafür einer theologisch beschreibbaren Grundlage bedarf, versteht sich.

Dass manchem der westliche, oberflächliche, hinsichtlich der sozialen Verantwortung des Einzelnen für alle sehr überschaubare, Lebensstil nicht passt, ist verständlich. Zivilisation und Humanität, aufgeklärte Grundsätze vermisse ich in dieser westlichen Welt auch. Vor allem die ständige Dominanz, geradezu der Primat, des Ökonomischen vor dem Öffentlichen, kann stören. Und die Mentalität des ewigen Wohlfühlens, der permanenten Party, des Egoismus vor dem Altruismus, die Überlegenheitsposen der Hausfrauenpanzer (Originalton Steines) gegenüber den Alltagskutschen ist schon mehr als ärgerlich, vor allem, wenn sie zu äußerst misslichen Lagen im täglichen Umfang miteinander führen (und das tun sie an jeder Ampel, auf jeder Autobahn). Ist aber natürlich nur Metapher für eben diesen tendenziell unerträglichen Lebensstil. Das alles darf aber nicht zum Terror, zum Bombardement gegen Kinder führen, sondern muss uns alle zum entschlossenen Handeln im Rahmen aufklärerischer, humaner Aktionen führen. Eben im Namen z.B. Gottes, ob des Christengottes oder eines anderen, bleibt dahin gestellt, oder mit Bonhoeffer:

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,

sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,

stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,

und vergibt ihnen beiden.

Ist das Gutmenschentum, was ich da produziert habe? Wenn ja, dann bin ich gerne ein Gutmensch.

Dr. Hans-Ulrich Hauschild, Gießen

Baumhausbeichte - Novelle