Archiv für Oktober 2012

Sport-Stammtisch vom 1. November

Doch noch ein paar letzte Worte zum sinkenden Schiff und den Ratten, die es verlassen: Erstaunlich ist, dass Armstrong, der große Patron, der allmächtige Pate, überhaupt untergeht. Das System galt als unsinkbar. Gar nicht erstaunlich aber, dass alle, die von und mit ihm gut und gerne lebten, ihn nun verlassen und verdammen. That’s life, Lance!

Vom Weltsportmarktgiganten Nike bis zum Weltradsportverband UCI tun alle überrascht und enttäuscht. Immer das gleiche Muster. Nicht der Doper ist pervers, sondern die Welt, die von ihm lebt, das Dopen fürstlich belohnt und das Auffliegen mit der Höchststrafe ahndet. Zum Hohn verkaufen sie uns auch noch für dumm, wollen uns weismachen, dass sie nichts von dem ahnten, was sogar in einer kleinen mittelhessischen Sportkolumne wieder und wieder zu lesen war – und zwar schon lange, bevor medial die ersten Verdächte artikuliert wurden.
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Ich will nicht nachkarten und alle die Irrungen und Wirrungen auflisten, die sich große und erklärtermaßen klug-kritische Medien geleistet haben. Dass aber alle, alle auf die Krebsbesieger-Story an- und aufsprangen, bleibt ein schlimmes, ja ein furchtbares Ärgernis. »Ich habe den Krebs besiegt« – als wären die Opfer dieser Krankheit Verlierer, die sich nur ein bisschen mehr hätten anstrengen müssen.
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»Ich habe den Krebs besiegt.« Vor Armstrong gab es diesen Satz nicht, seitdem breitet er sich epidemisch aus, er sollte mit Armstrong verschwinden.
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Armstrong sagte auch, und dass sich niemand daran störte, war und ist ein Skandal: »Verlieren ist wie sterben.« In diesem ebenfalls grundbösen Satz steckte eine finstere Logik: Wem Verlieren vorkommt wie sterben, der kämpft gegen das Verlieren mit den gleichen Mitteln wie gegen den drohenden Krebs-Tod, mit unbändigem Willen, besten Ärzten – und allem, was die Chemie zu bieten hat. Eine simple Logik, doch als ich sie aussprach, in Zeiten früher Armstrong-Verklärung, galt sie als infame Majestätsbeleidigung.
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Der Soziologe Thomas Druyen hat ein Buch geschrieben und ihm den Titel »Krieg der Scheinheiligkeit« gegeben. Im »Zeit«-Interview sagt er: »Die Scheinheiligkeit breitet sich epidemisch aus und ist für mich die größte Blase des beginnenden 21. Jahrhunderts.« Ich glaube, der gute Mann täuscht sich, denn irgendwann platzen Blasen. Die aufgeblasene Scheinheiligkeit jedoch breitet sich zwar aus, platzt aber nie und bleibt allgegenwärtig.
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Zu schlechter Letzt: Nicht alle verdammen Armstrong. Kein »Patron« früherer Tour-de-France-Tage zeigt sich überrascht und enttäuscht. Wenn sie sich äußern, was sie selten tun, zeigen sie Verständnis. Sogar Miguel Indurain, einer der Größten und Ehrenwertesten, verteidigt Armstrong. Denn sie wissen, was sie getan haben – in jeder Beziehung das Gleiche, nur nicht so perfekt wie der Perfektionist Armstrong.
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Haben sich um die Jahrtausendwende edle Pedalritter in kriminelle Doper verwandelt? Quatsch, quätscher geht’s nicht. Nicht der Radsport hat sich verändert, sondern unserWertemaßstab. Der wird um so unerbittlicher bei anderen angelegt, je gnädiger man mit dem eigenen Wertedefizit umgeht. Doch das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Doping nur am Rande zu tun. (gw)

Veröffentlicht von gw am 31. Oktober 2012 .
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Wer bin ich? (Oktober-Runde)

Ein Tipp vorweg: In der Champions League waren wir drei gestern nicht dabei, weder beim BVB, noch bei Schalke 04, auch nicht als Experte am Mikrofon oder als Moderator im Studio.
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Wir sind im selben Staat geboren, sind als Sportler für den selben Staat gestartet und arbeiten jetzt für die selbe Firma in einem anderen Staat.
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Durch uns drei ist – zum Teil oder komplett, das müssen Sie herausfinden – eine Genderforderung erfüllt, die in den »Wer bin ich?«-Runden bisher sträflich vernachlässigt wurde.
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In unserer aktiven Zeit haben wir zusammen sechs olympische Goldmedaillen und eine Bronzemedaille gewonnen, dazu so viele Landestitel, das sie kaum zu zählen sind. Allerdings sind Medaillen und Titel unter uns recht ungleich verteilt.
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Ungleich verteilt beziehungsweise ungleich gravierend sind auch die Probleme, die uns begleiten oder begleitet haben. Es geht um Doping, Schleichwerbung und, nun ja, um Nacktfotos. Wer Letzteres als Problem sah, hatte wohl eher mit sich selbst ein Problem.
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Wenn man uns mit einem Attribut kennzeichnen will, heißen diese meist »undurchsichtig«, »kumpelig« oder »attraktiv«. Jedes Attribut gilt nur jeweils für eine/n von uns, kaum jemand käme auf die Idee, die beiden jeweils anderen Attribute ebenfalls zu gebrauchen. Obwohl – das ist Ansichtssache, vor allem die »Attraktivität«.
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Das sollte eigentlich genügen. Zur Überprüfung Ihrer Lösungen zählen Sie unsere Geburtsjahre zusammen, addiert ergeben Sie die Zahl 5905. Wer sind wir?
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Einsendeschluss: 11. 11. 2012. Letzter Tipp: Das war kein Tipp.
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Die letzte Runde des Jahres startet Ende November, zu finden sind dann zwei sehr unsportliche historische Figuren. Das war ein Tipp!  (gw)

Veröffentlicht von gw am 24. Oktober 2012 .
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Von guten und schlechten Goldgräbern

Liebes Eintracht-Tagebuch, schon als kleiner Junge gab es ein Thema, das mich bis heute fasziniert: die Suche nach Gold! Stundenlang las ich Geschichten oder schaute Filme, die sich um Goldgräber drehten. In denen raue Typen mit wettergegerbten Gesichtsfurchen tagelang in irgendwelchen Flüssen standen, um dort mit schimmeligen Waschsieben Schlamm nach dem wertvollen Glitzerzeug zu durchsuchen. Und die erst dann richtig Feierabend machen konnten, wenn sie am Ende des Tages auch noch irgendwelche hinterlistigen Konkurrenten mit ihrem Bärenmesser beseitigt hatten, bevor diese ihnen ihren kleinen Stoffbeutel mit den frisch ersiebten Goldklümpchen klauen konnten. Es sei denn, dass man sie selbst auch als hinterlistige Konkurrenten betrachtete, dann wurden eben sie beseitigt.

Da mich das Thema nie wirklich losgelassen hat und auch jetzt noch interessiert, habe ich im Laufe der Jahre immer wieder mal etwas darüber gelesen. Auch heutzutage wird weltweit nach wie vor mit großer Intensität nach Gold gesucht. Nicht nur in den Ablagerungen von Flüssen, auch in Gebirgssteinen, in Sand, ja sogar, in dem man Dental- und Schmuckverarbeitungsabfälle oder Elektronikschrott recycelt. Ob in Süd-Afrika, den USA, Australien oder Russland, überall sind Menschen damit beschäftigt, Gold zu finden.

Und auch heute geht es dabei längst nicht immer nur seriös oder legal zu, immer noch müssen Menschen im Zusammenhang mit Gold sterben. Ob bei Überfällen, bei hart geführten Auseinandersetzungen um besonders ergiebige Goldadern, oder weil man Sklaven so lange in unterirdischen Minen arbeiten lässt, bis diese tot umfallen.

In der Bundesliga ist das ähnlich, da suchen sie auch alle ständig nach Gold. In Form von besonders talentierten jungen Spielern. Okay, Tote gibt es da eher weniger, aber ansonsten geht es mitunter doch schon recht rau zu. Und auch wenn die Männer, von denen ich spreche, offiziell »Scouts« oder »Spielervermittler« heißen, sind sie im Prinzip doch nichts anderes als Goldsucher. Sie suchen unentwegt, weltweit. Checken jeden Hinweis. Sei es, dass es da einen hochbegabten Jungen in einem Kaff hinter Limburg geben soll, ein Fußballwunderkind in Peru oder einen unglaublichen Mittelfeldspieler in der F-Jugend des dänischen Drittligisten Fortuna Hjørring. Jede auch nur halbwegs brauchbare Spur wird verfolgt. Und weil die Konkurrenz natürlich auch von diesem oder jenem Wind bekommen hat, und das Geschäft hart ist, kauft man gerne auch schon mal sicherheitshalber einen Fünfjährigen seinen Eltern unter Zuhilfenahme unübersichtlicher Verträge ab, oder bindet irgendwelche armen Talente aus der Dritten Welt lebenslang an ihre manchmal komplett seriositätsfreien Firmen.

Es wird bestochen und gelogen und das schönste aller Blaus vom Himmel versprochen. Ja, die Fußballgoldgräberlandschaft ist brutal, viele ihrer Mitglieder sind ausnahmslos zielorientierte, mitleidslose Wesen, die zu allem Überfluss auch noch regelmäßig danebengreifen und deren vermeintliches Gold sich schnell als billige Kupferfälschung entpuppt.
Wie gut tut es da, wenn es auch mal welche gibt, die sich von all dem unbeeindruckt zeigen, und nicht da nach Gold graben, wo das alle tun! Sondern dort, wo sie ihr Bauchgefühl hingeführt hat. Und die dann auch noch tatsächlich genau da fündig werden!

Armin Veh und Bruno Hübner sind so zwei. Sind eine Saison lang durch die verkannte Goldmine »Zweite Liga« gelaufen, haben sich alles genau angeschaut, und vor allem gut gemerkt, an welchen Stellen da das echte Gold lag und wo die Attrappen. Um dann ein paar Wochen später in aller Seelenruhe und vollkommen unbeachtet vom Rest der deutschen Fußballwelt, dahin zurückzukehren und die Schätze einfach einzusammeln: Trapp, Aigner, Inui, Zambrano oder Occean. Und sich auf dem Rückweg noch die Zeit nahmen, auch noch mal kurz zu gucken, welches unerkannte Edelmetall beim ein oder anderen Erstligaklub so auf der Reservebank unbemerkt vor sich hin funkelt: Oczipka, Celozzi oder Lanig.

Dass der Trainer dann auch noch aus all diesem Rohmaterial in recht kurzer Zeit glänzenden Schmuck angefertigt hat, zeigt, dass er nicht nur ein extrem schlauer Goldsucher, sondern zudem auch noch ein ausgesprochen geschickter Goldschmied ist. Und so einen, liebes Tagebuch, haben wir bei der Eintracht lange nicht mehr gehabt…!
Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von neumann_o am 24. Oktober 2012 .
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Michael Jungfleisch: Letzte Worte zum Schweden-Spiel

Nochmal was zum Schwedenspiel und dann will ich nicht mehr drüber nachdenken. Erst einmal nicht mehr. In 20 Jahren holen wir diese Klammotte wieder aus dem Schrank, nach dem Motto “Wisst ihr noch…” oder gar “Damals war sowieso alles besser” Wer weiß?
Ich hab das Spiel nicht gesehen, nur in der ersten Halbzeit mal reingezappt. Meine Frau wollte irgendein halbgares Fernsehspielchen sehen, das lustig sein sollte. Dank Hannes Jänicke dann aber eher albern war.
Mein Mangel im Haushalt: kein Zweitfernseher
Mein Mangel in der Ehe: fehlende Durchsetzungskraft
Hab von dem Drama dann nur in der Zeitung gelesen und mich über blödsinnige Kommentare im
Internet geärgert. Weltuntergangsstimmung. Der Löw. Wie konnte er nur? Die Spieler. Warum haben sie nicht?
Mein Gott. Wie der Kolumnist schrieb: alles gesagt, alles geschrieben, nichts erklärt.
Kann man nicht erklären. Da kann man staunen, mehr nicht.
Aber wir tun so
- als ob es sowas nie vorher gegeben hätte. Spiele werden gedreht, drehen sich, heben ab.
Wenn´s nicht so wäre, würde ich gar kein Fußball mehr schauen.
Ist mir übrigens als Spieler selber mal passiert, sogar noch schlimmer. 4:0 geführt, 4:5 verloren.
- als ob der Löw vom allergrößten Regenmacher, nein, DEM Übers-Wasser-Läufer (vor dem EM-Halbfinale)
zum Deppen der Nation geworden wäre. Klar: Löw ist Schuld, dass wir die EM nicht geholt haben!
Gegen die Spanier hätten wir 4:0 gewonnen und nicht verloren wie Italien. Ist doch klar.
2 x mal in der Abwehr gepennt gegen  Italien, dann wird das nichts mehr. So einfach ist das.
Jetzt sagt man: “mit dem Löw haben wir doch gar keine Erfolge gehabt! Nur 2. und 3. geworden.
- mit dem Ballack vor der letzten WM dasselbe. Als der Boateng-Bruder ihn zum Teilzeitinvaliden tritt, heißt es: “wir brauchen gar nicht nach Südafrika.” Nach der WM heißt es: “den haben wir doch eigentlich nie gebraucht”.
- und so weiter und so weiter.
Wenn die Meckerer dann wenigstens konsequent wären!
Von jedem, der JETZT über den Löw meckert, möchte ich jetzt nach JEDEM Spiel hören, z. B.:
“o.k. , 6:0 gegen Brasilien gewonnen, ABER VOM LÖW HALTE ICH TROTZDEM NICHTS!”
Diese Kritiker nehme ich dann wirklich ernst.
Gewinnen wir das Freundschaftsspiel gegen die Käseräder, heißt es wieder: “Der Löw, wie toll!”
Früher hieß es:
- Verloren ” Wir haben Sch***e gespielt.”
- Unentschieden: “gerechte Punkteteilung”
- Gewonnen. “Klasse”
Aber heute?
Der DFB wird noch eine Untersuchungskommission einrichten, um das Schweden-Spiel zu analysieren.
Fußball war mal ne einfaches Spiel, das jeder verstanden hat. Die Zeiten sind vorbei. (Michael Jungfleisch)

Veröffentlicht von gw am 22. Oktober 2012 .
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Randnotizen von Walther Roeber

Da hat ‘man’ es Ihnen aber gegeben… Aber genauso einer, einer der auch beißen kann, fehlte der deutschen Mannschaft… und da sehe ich auch noch ein Risiko bei FCB, denn wie schon der Kaiser irgendwo anmerkte, haben die vor Jahrzehnten auch mit allen großen Stars mal so einen ähnlichen Einbruch erlebt. Und das könnte wieder passieren, wenn sie demnächst auf eine bissigere Mannschaft treffen als es bisher der Fall war. Da könnte dann ein van Bommel-Typ fehlen, den Martínez wohl eher nicht gibt. Dass Sie nicht mehr in der Redaktion sind, hat sich offenbar noch nicht so ganz herumgesprochen (wobei die Kritik an den übernommenen Artikeln von den Agenturen teilweise berechtigt ist).  Wo bin ich? ist als Frage “gemein”, ich glaube nicht, dass Sie nach England reisen (Bolton und Hull scheiden aus)…  Qatar traue ich Ihnen für 4 Tage eher nicht zu. Städtereisen nach Paris oder Istanbul werden jetzt auch viel angeboten, aber vielleicht fahren Sie nach Neunkirchen und genießen dort die Nähe zur französischen Lebensart? Gibt es dieses Jahr eigentlich keinen Apfelwein aus eigener Pressung??? Ich verreise auch in deutschen Landen, hoffe aber, trotz einiger Ablenkung, WBI nicht zu verpassen; 3 Punkte sind natürlich großer Anreiz :-)  (Walther Roeber)

Veröffentlicht von gw am 22. Oktober 2012 .
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Baumhausbeichte - Novelle