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Sonntag, 30. September, 6.15 Uhr

Früh dran heute. Vor der Redaktion stehen noch die Auslieferer der Sonntagszeitung, die bei uns im Haus gedruckt werden. Letzter Tag in der Redaktion. Mittlerweile ist das Büro ausgeräumt. Hat Monate gedauert, den Muff von 1000 Jahren gw zu sichten, zu ordnen und … wegzuwerfen. Was bleibt am Ende übrig? Immer nur man selbst. Daran hat man genug zu tragen. Nur ganz wenig wird mitgenommen an den neuen Arbeitsplatz. Zum Beispiel das Foto der Wetterauer Radfans, die “Ulle” und “gw” auf die Alpe d’Huez-Straße geschrieben haben. Wehmütig? Keine Spur. Glaubt kaum jemand, ist aber so. Ist ja auch nur ein örtlicher Wechsel. Aus der Redaktion in der Stadt im Tal ins eigene Redaktionsbüro im Dorf auf dem Berg. Der Zeitungsleser wird es überhaupt nicht merken, es sei denn, er schaut mal ins Impressum. Aber wer tut das schon? Der Vorteil des Journalisten als Rentner: Er macht weiter wie zuvor. Same procedure. Wie heute. Frühes Warmschreiben, mit leicht grummelnder Besorgnis, weil die tabula für die Montagsthemen noch so was von rasa ist, dass noch kaum vorstellbar ist, eine anständige Kolumne … abzuliefern? Auch so ein Modewort. Leistung abrufen und abliefern, abarbeiten daran und … abbutze! Abbutze war mal ein Badesalzprogramm. Der arme Henni muss wieder am Auge operiert werden. Kopf hoch! Lass Dich nicht hängen, Junge! Das wird wieder!

Für die “Inspirationen” im HR war ich heute zu früh. Inspirationen im Nachtkasten der Nachrichtenagenturen: auch keine. In der Mailbox: gähnende Leere. Nur die üblichen Aufforderungen, meinen Millionengewinn abzurufen (abrufen!) und mein Sexleben aufzupeppen (aber Penisverlängerungen scheinen out zu sein).

In den Radionachrichten das Topthema: Steinbrück schließt Koalition mit Rot und Schwarz und mit den Piraten aus. Dazu fällt mir die übliche Falschformulierung ein, wenn Sportler X wegen einer Verletzung seine Teilnahme an der Veranstaltung Y absagen muss: X sagt Y ab. Logelei zur Lügelei: Die SPD koaliert unter Steinbrück entweder mit Grün und/oder Gelb, oder überhaupt nicht – oder ohne Steinbrück optional mit allen. Und das ist vielleicht ein Schlusssatz für die Montagsthemen. Ma gucke. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle