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Sport-Stammtisch vom 29. September

Großes Thema in allen großen Zeitungen: Sportförderung in Deutschland, Zielvereinbarungen, Finanzierungsmodelle . . . bevor mir die Leser hinwegschnarchen, fasse ich zusammen: Alle wollen Geld. Und zwar unser Geld. Sie streiten nur darüber, wer wie viel vom Kuchen kriegt, den wir steuerzahlend gebacken haben. Geprägt wird die Debatte vom Lobbyismus unterschiedlicher Interessenvertreter, Stellungskrieg von Funktionären und beschäftigungstherapeutischer Einflussnahme von Journalisten aus der deutschen Sport-Nomenklatura, zu der ich Gott sei Dank nie gehört habe.
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Die Welt ist zwar kompliziert, aber für manche Problemchen gibt es doch wirklich einfache Lösungen, meine dazu habe ich schon vor etwa hundert Jahren beschrieben (»Marktwirtschaft und Sport«). Fazit damals (1976) wie heute: Die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft sollten auch im Sport greifen – Förderung des Breitensports als soziale Aufgabe, freies Spiel der Marktkräfte im Spitzensport als kapitalistische Komponente.
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»Aber der Medaillenspiegel?!« Der kann mich mal. Ist sowieso ein Anachronismus aus realsozialistischen Zeiten, als medaillenspiegelfechtend die Überlegenheit eines politisch, finanziell und gesellschaftlich bankrotten Systems bewiesen werden sollte. Methode: Staatlich gepushter Nischensport, Konzentration auf Sportarten, in denen Einzelne viele Medaillen holen konnten (Schwimmen, Kanu) sowie Staatsdoping um so rigoroser an Sportlern, je leistungssteigernder Steroiddoping bei ihnen wirkt (junge Frauen).
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Anachronismus aus realsozialistischen Zeiten? Oder neuer deutscher Trend zum Sozialkapitalismus à la Robert Harting? Mitnehmen, was der Markt hergibt, und dazu soviel Staatsknete wie möglich abgreifen, plus lebenslanger wohlstandserhaltender Sofortrente für Olympiasieger?
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Auch ein Symptom für die zunehmend irreale Debattenschieflage: »Wenn einer den Leistungssport mit dem Ziel beginnt, durch einen Olympiasieg ausgesorgt zu haben, würde ich ihm eher empfehlen, zur Lotto-Annahmestelle zu gehen.« Thomas Bach musste für diesen Satz viel Prügel einstecken. Der umtriebige, virtuos strippenziehende deutsche Sportboss bietet gewiss auch triftige Gründe zur Kritik, aber selten bekam er so viel Unmut zu spüren wie mit dieser grundvernünftigen, logischen und auch sehr sportbewussten Aussage.
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Wie angenehm, dass es noch Sportler wie den Stabhochspringer Björn Otto gibt. Auf die Frage im »Kicker«, ob er darauf setzt, seine Erfolge zu versilbern, antwortet er: »Sicher, die Prämien und Antrittsgelder steigen jetzt zwangsläufig. Aber ich springe nicht des Geldes wegen – dann müsste ich wohl Tennis oder Golf spielen.« Oder Lotto.
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Wie angenehm auch, dass es Fußballer wie Miro Klose gibt. Aber dass er wie ein achtes Weltwunder bestaunt wird, da er ein unabsichtliches Handspiel zugegeben hat, ist ebenfalls Symptom für eine zunehmend irreale Debattenschieflage. Gebt ihm doch gleich den Friedensnobelpreis, weil er auf Befragen des Schiedsrichters nicht gelogen hat! Der Umkehrschluss lässt die bigotte Heuchelei der Lobeshymnen erkennen: Wenn Kloses sportliches Verhalten derart unnormal ist, muss Betrug ja als Normalfall gelten und akzeptiert sein. Das Angenehme an Klose: Auch er wundert sich über den Bohei, der um Selbstverständliches gemacht wird.
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Bohei auch um Maria Riesch. Neue »Bild«-Serie: »Mein wildes Leben«. Immer wieder erstaunlich, wie viel geldwerten Medienstoff die (klar: großartige) Skifahrerin liefert, seit sie verheiratet ist – mit dem Top-Medienmanager des deutschen Sports, der auch einen »Kaiser« zu seinen Kunden zählt.
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Aus dem Sportneudeutschen: »Wir haben unsere Leistung nicht abgerufen.« Hallo, Leistung, wo bist du? Hallooo? Verräterische Sprechmode: Wer nach Leistung ruft, sucht sie außen, erwartet passiv, dass sie kommt, statt sie in sich zu aktivieren.
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Aber man sollte nicht jedes Wort auf die Interpretations-Goldwaage legen. Ich ruf dann mal eine andere Wort-Interpretation ab: Im Schmiergeldprozess gegen Formel-1-Pate Ecclestone frohlockt die Staatsanwaltschaft, weil sie glaubt, beweisen zu können, dass Ecclestone wusste, dass der von ihm geschmierte Ex-Banker Gribkowsky ein Staatsdiener, ein Beamter war. Wenn der Beweis gelingt, hat sie Ecclestone am Kanthaken, wegen Amtsträger-Bestechung. Der »Beweis«: Pate Bernie soll Gribkowsky als »civil servant« (Beamter) verspottet haben. Liebe Staatsanwaltschaft: Er hat ihn, wie ihr sagt, »verspottet«. Wer spottet, zieht einen anderen bösartig überzogen durch den Kakao. »Du Mädchenfußballer!« bedeutet alles, nur nicht, dass der Verspottete weiblichen Geschlechts ist. »Gegenteil des Spottes ist der Ernst« (Wikipedia). Wer Gribkowsky als »civil servant« verspottet, glaubt gar nicht, dass er ein solcher ist, sonst wäre der Spott kein Spott. Und nun, lieber Bernie, überweisen Sie für diesen eindeutigen Unschuldsbeweis bitte ein kleines Fantastilliönchen auf mein Konto, damit ich mich zur Ruhe setzen kann.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle