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Bescheidenheit ist eine Tugend

Liebes Eintracht-Tagebuch, in den letzten Monaten ist mal wieder ein Wort in den Vordergrund gerückt worden, was bis dato eigentlich nicht zu den wirklich Meistgebrauchten der letzten Jahre gehörte. Und zwar das Wort ›Gier‹.

In erster Linie steht es in Verbindung mit Jürgen Klopp, der es anscheinend aus der Tiefe seines eigenen Rhetorikkoffers wieder rausgekramt hat und es seitdem regelmäßig einsetzt. Vor allem, wenn er darüber spricht, was seine Jungs zu all den bisherigen Heldentaten angetrieben hat. »Ihre Gier nach Erfolg! Ihre Gier, gewinnen zu wollen!« Was wiederum die Macher einer Werbekampagne mit ihm für eine deutsche Bank gerne aufgegriffen und, wenn auch ein bisschen theatralisch, aber durchaus eindringlich in den dazugehörigen Spots umgesetzt haben.

Mittlerweile reden sie auch in München bei den Bayern davon, auf Schalke, in Bremen. In Interviews begründen Spieler jeder Couleur ihren Optimismus für die neue Saison mit dieser Gier, die sie in sich verspüren, genauso wie Trainer auch immer öfter davon sprechen. Mir selbst geht es ein bisschen so wie zuletzt auch bei ›aufgestellt‹, ›entschleunigen‹ oder ›umfassend‹, irgendwann kann ich es nicht mehr hören, weil es jeder Depp benutzt. Fehlt noch, dass demnächst Pförtner nicht die Schranke aufmachen, weil jemand rein will, sondern aus der Gier heraus, etwas zu bewegen. Und Bauarbeiter bohren mit ihren Presslufthämmern keine Löcher in den Boden, weil man ihnen das aufgetragen hat, sondern wegen ihrer Gier danach, die Erde zu durchdringen.
Bei der Eintracht habe ich den Begriff bislang Gott sei Dank noch von keinem gehört; keinem Spieler, nicht vom Trainer, vom Sportdirektor oder vom Chef persönlich.

Im Gegenteil, hier freuen sich zwar alle, werden aber nicht müde zu betonen, dass sie ja wissen, woher sie kommen und was diese zwölf Punkte für sie im Kampf gegen den Abstieg bedeuten. Diese liebenswerte Bescheidenheit ist natürlich viel besser als dieses übermotivierte Gier-Gefasel. Ganz abgesehen davon, dass wir gerade erst wieder aufgestiegen sind und sowieso nicht immer einfache Zeiten hinter uns haben. Außer einmal wegen der Fairplay-Regelung, die uns die erste Runde des Uefa-Cups ermöglicht hat, haben wir in den letzten Jahren an internationalen Wettbewerben so oft teilgenommen wie Nonnen an Tabledance-Turnieren. Nein, nein, diese zwölf Punkte sind einfach nur ein erstes Polster für das, was noch kommt.

Natürlich gebe ich zu, dass, wenn wir heute Abend Dortmund schlagen würden, es noch mehr wären. Ganz abgesehen davon, dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, den BVB zu besiegen, zumal bei denen derzeit noch lange nicht alles rundläuft. Dann wären es 15 Punkte, was wiederum einen komfortablen Vorsprung auf die meisten anderen Vereine bedeuten würde. Gut, wir müssten uns die Tabellenführung vermutlich mit den Bayern teilen, aber das würde ich schon verkraften! Und wenn eine Mannschaft erst mal spürt, dass sie sich da oben festgesetzt hat, wächst oftmals ihr ohnehin schon vorhandenes Selbstvertrauen weiter, und sie wird noch sicherer.

Ich weiß, dass man solche Vergleiche nicht anstellen darf … aber Kaiserslautern ist ja seinerzeit auch nach dem Wiederaufstieg per Durchmarsch Deutscher Meister geworden. Was denen auch keiner zugetraut hat. Und irgendeine Überraschung pro Saison gibt es ja immer. Klar, darf ich so was nicht mal ansatzweise denken, andererseits haben wir so lange auf bessere Zeiten warten müssen! Was sagst Du, Tagebuch? Dass ich mich mäßigen soll? Ja, weiß ich ja! Es ist nur so, irgendwie haben diese vier Eintracht-Siege Begehrlichkeiten in mir geweckt, so eine Art Heißhunger nach mehr. Ich such noch nach dem richtigen Wort … bitte? Ob es zufällig mit ›G‹ anfängt? Ähm … ich bin mir nicht sicher … aber es könnte sein … In diesem Sinne. Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle