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Sonntag, 23. September, 6.35 Uhr

Am dunklen Himmel nur ein Stern, der strahlt aber für alle anderen hinter Wolken unsichtbaren mit. Kann nur die Venus sein, meint der Laie, der sich mal für Astronomie interessiert hatte, aber nie über die Identifizierung des großen Bären hinausgekommen war (ah, großer Bär, das muss ich mir merken, für gleich). Außerdem ist die Venus kein Stern, sondern ein Planet. Planeten strahlen stetig, Sterne blinken. Das war’s aber wirklich an astronomischem Fachwissen.

Im HR1-Radio die „Inspirationen“, wieder mal von Anselm Grün, mich inspiriert aber die Musik: „Massachusetts“ von den Bee Gees. Erinnerung an frühe Zugfahrten von Wetzlar nach Gießen zum frühen Pädagogik-Seminar. Nicht ganz so früh wie heute die Sonntagsfahrten in die Redaktion, dafür viel, viel müder. Dann der erlösende Beschluss, jedes mal wieder: Seminar ausfallen lassen, in die Frühkneipe gehen, Zeitung lesen und Musikbox drücken. Favoriten: Die frühen Bee Gees. Massachusetts, Spicks and Specks, das textlich nicht erfasste, aber irgendwie sozialkritische New York Mining Disaster, Words, vor allem aber To love somebody und World, mit der wunderbaren Textzeile „Now i found, that the world ist round, and of course it rains every day“ – ich weiß nicht, was die Bee Gees damit meinten, aber für mich klang es wie: Je mehr man weiß, desto depressiver wird man. Seminarschwänzen als Mittel zur Lebensfreude. 1966 war’s. Später machten die Bee Gees alberne Discomusik.

Noch eine Geschichte aus dem Leben. Eine aktuelle, von gestern mittag: Mit dem Rad im Wald unterwegs, von einem Wildschwein angefallen und gebissen worden. Wirklich wahr! Also: fast wahr. So „wahr’s“ wirklich: Einen anderen Radfahrer getroffen, der an den Wegrand deutete und unaufgeregt warnte: Passen Sie lieber auf. Am Wegrand: das Wildschwein. Ich staunte, dass es dort so unaufgeregt rumlümmlte wie der Radfahrer unaufgeregt warnte. Der hatte einen Hund dabei, der auf das Wildschwein ebenfalls unaufgeregt reagierte. Die Geschichte dahinter: Der Radfahrer war der Jagdpächter, das Wildschwein ihm im frühesten Frischlingsalter quasi zugelaufen, Mutter Bache wohl entweder abgeschossen oder totgefahren. Mittlerweile ist „Friedel“ vier Monate alt, zahm wie ein braver Hund, Familienmitglied und süchtig nach Streicheleinheiten. Von der Familie, nicht unbedingt von fremdem Radfahrern. Die interessieren ihn, er schnüffelte oinkend an mir rum. Und biss mir ins Bein. Na ja. knabberte. Aber heftig, fordernd. Wenn er zu aufdringlich wird, soll ich ihm auf den Rücken hauen, sagt der Jagdpächter. Ich doch nicht. Ich schlage keine Tiere, nicht mal Frauen. Ließ ihn knabbern. So „wahr’s“ also wirklich, und für das „wahr’s“ erhebe ich Copyright (mein neues Projekt; noch in den Kinderschuhen; mehr dazu erst später; viel später).

Apropos Wildschwein: Als solches, ohne „wild“, dafür „altes“, werde ich von der Liebsten aus der liebsten Zielgruppe gescholten, weil ich im Samstags-Stammtisch reinen Helferherzens einen Dekollete-Service für die liebste Zielgruppe eingerichtet hatte. Demütig nahm ich die Schelte für senile Pubertätssabberei hin. In diese Rubrik fällt auch der Große Bär von oben: Ein junges Pärchen, frisch und noch scheu verliebt, sitzt abends auf der Bank und bewundert den Sternenhimmel. Er: Jetzt zeige ich Dir den Großen Bären. Sie: Wenn Du auch nur einen Knopf aufmachst, schreie ich.

Das gibt wieder Schelte

Baumhausbeichte - Novelle