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Von Blurbs und Ohrwürmern (Nach-Lese vom 22. September)

 »Ain’t no sunshine when she’s gone / It’s not warm when she’s away / Ain’t no sunshine when she’s gone / And she’s always gone too long / Any time she goes away«
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Er will nicht mehr aus dem Kopf, der alte Ohrwurm von Bill Withers. Reingekrabbelt ist er durch einen wunderbaren Die Seite drei-Text von Alexander Gorkow in der Süddeutschen Zeitung. Man liest und möchte sofort ins nächste Plattengeschäft laufen und zwei, drei alte Langspielplatten des heute 74-jährigen Withers’ kaufen. (wenn es noch Plattengeschäfte gäbe).
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»Ain’t no sunshine« … nein, Schluss damit. Wie bekämpft man einen Ohrwurm? Vielleicht mit einem Blurb. Mein Thema zuletzt in dieser Kolumne: Wie sehr Vor-Schreiben (Interview, Rezension, Klappentext usw.) die Nach-Lese beeinflusst. Nachtrag heute: Und zum Vor-Schreiben gehören vornehmlich die Blurbs. Einer der kürzesten, eingängigsten kommt von Harry Rowohlt: »Sowieso mein Lieblingsautor«, sagt er über seinen Schriftstellerfreund Frank Schulz. Dieser Blurb ziert jedes neue Buch von Schulz, meist zusammen mit dem Apodiktum von Gerhard Hentschel: »So hätte Arno Schmidt geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre« (auch nicht schlecht, der Blurb!).
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Blurb? Erfunden hat das Wort der US-Komiker Gelett Burgess (1866 – 1951). In der Welt lese ich, warum: »Seine Bettina W…«, quatsch, noch mal von vorne: »Seine fiktive Miss Belinda Blurb war eine Parodie darauf, dass man weiland Bücher verkaufte, indem man Bildchen junger Frauen als Kaufanreiz auf die Umschläge bannte; Komm, du willst es doch auch, dieses Buch – das war die Botschaft.«
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Die Rolle von Miss Belinda Blurb übernehmen heutzutage Schriftstellerkollegen wie Rowohlt und Hentschel. Da wird gelobt, was das Zeug hält. Und meist noch etwas mehr. »Ich schreib Ihnen gerne einen Blurb«, bot mir die Krimi-Autorin Anne Chaplet (alias Journalistin Cora Stephan) an, als ich mich selbst an einem kleinen Krimi versuchte. Ich war froh über den Beistand und einige lobende Worte über das Buch, wollte aber eine Passage über den Autor streichen: »Einst einer der besten Kugelstoßer der Welt.« Antwort: Seien Sie nicht so schamhaft, das bleibt drin, sonst gibt es gar keinen Blurb. Seitdem haben wirklich beste Kugelstoßer der Welt viel Spaß mit mir, aber das nur am Rande.
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»Ain’t no sunshine« … schnell, schnell, nächste Ablenkung: Tagebücher. Verkaufen sich derzeit prächtig. Auch ich will mir zwei kaufen. Nummer eins sind Peter Sloterdijks Zeilen und Tage – Notizen 2008 – 2011 (Suhrkamp/22,95 Euro). Nicht wegen eines Blurbs oder Klappentextes, auch nicht, weil ich in der Literarischen Welt diesen kryptischen Satz lese: »Unter den Selbstverhältnissen interessieren ihn weniger das epistemische Selbstbewusstsein als die affektiven Selbstverhältnisse« (für solche Antikaufsanreize sollte Sloterdijk den Rezensenten verklagen). Neugierig macht mich da eher, was die Welt in ihrer Rezension an O-Ton Sloterdijk zitiert: »Hätte der Neoliberalismus Titten aus Zement, er sähe aus wie Heidi Klum.«
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Sehr hübsch auch, was Hans Werner Richter (1908 – 1993), Gründervater der Gruppe 47, in seinem Tagebuch Mittendrin (C. H. Beck/24,95 Euro) unter dem Datum 3. Oktober 1966 über den jungen Martin Walser schreibt: »Schlechtester Frühexpressionismus. Welches Gequassel, welche Sucht nach Wortexperimenten. (…) Und alles mit einer Erotik, die zum Kotzen ist, schwüle Pubertät eines frühzeitig alternden Mannes, der vergessen hat zu leben.« Wenn Richter lesen könnte, was der alte Walser heutzutage an schwül Spätpubertärem absondert …
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»Ain’t no sunshine« … ach, bleiben wir halt bei der Musik. »Vom Wunderkind zum Ausnahmepianisten« frohlockt die Deutsche Presseagentur (dpa) und schreibt eine kleine Hymne auf den erst 20 Jahre alten Kit Armstrong. Kit Armstrong? Da war doch mal was? Ah, ja, Erinnerung: Seine Mutter sagte 2008, bis vor wenigen Jahren habe Klein-Kit seinen Kopf beim Schlafen nicht auf ein weiches Kissen gelegt, sondern auf ein mit geschmolzenen Eiswürfeln gefülltes, weil Kits Hirn ein kleines Atomkraftwerk sei, das ständig gekühlt werden müsse. Auszug eines Interviews mit dem 16 Jahre alten kleinen Atomkraftwerk im SZ-Magazin: Haben Sie einen besten Freund? – »Ich habe wichtigere Dinge zu tun.« – Aber Sie haben Freunde? – »Ich habe Menschen, mit denen ich Musik mache.« – In Ihrem Alter? – »Möglich. Ich habe sie nie gefragt, wie alt sie sind.« – Warum? – »Weil Alter keine Kategorie ist, in der ich denke.« – Sind Sie nervös? – »Nein.« – Warum nicht? – »Nervosität ist nicht Teil meines Gemüts.« Da laufen einem schmelzende Eiswürfel den Rücken runter.
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»Ain’t no sunshine« … ich geb’s auf. Bill Withers »beschloss 1985, keine Platte mehr aufzunehmen. Er wird angefleht zurückzukehren« (SZ). Aber er will nicht. Einmal sollte er »eine Coverversion von ›In The Ghetto‹ singen, ein Lied des schneeweißen Elvis Presley, das schneeweißen Amerikanern bis heute ein Galeerenfeeling verschafft wie kein Blues dieser Erde«. Der schwarze Withers weigerte sich empört.
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Schade. Nun zu Thomas Quasthoff. Der geniale deutsche Bassbariton ist »schuld«, dass der Ghetto-Song eines anderen Schwarzen auf meiner Lieblinge-Liste weit oben steht. Vor Jahren lobte der weise weiße Quasthoff den schwarzen Soulsänger Donny Hathaway in einem Blurb für die Zeit so kaufanreizend, dass ich sofort einige CDs kaufen musste und dies nie bereute. Hathaways Ghetto-Song ist im Titel ein Wort kürzer, aber viele schöne Minuten länger als der von Elvis. Hören Sie doch mal rein in »The Ghetto« oder in »You’ve got a Friend« oder in ein Duett mit der tollen Roberta Flack – es lohnt sich!
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Soweit mein Blurb für Donny. Der arme Kerl hat leider nichts mehr davon, denn er sprang 1979, mit 34 Jahren, aus dem Fenster seines Hauses in New York. Gestorben wie Rex Gildo 1999 in München. Ein geschmackloser Vergleich? Ja, aber nicht der Todesumstände, sondern der Musik wegen.
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Immerhin, der Ohrwurm ist weg. Doch wer nagt sich da neu in die Hirnwindung? »Hossa, hossa, hossa!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle