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Sport-Stammtisch (vom 22. September)

Weil Jürgen Klopp als Kind von den Eltern mit »anständiger« Kleidung (Cordhose, Hemd mit Kragen) gequält wurde, will er »bis ins Grab« Jeans tragen. Dieses frühe Trauma teile ich mit dem BVB-Trainer. Als er am Dienstag dennoch in bravem Gehorsam den Dresscode der UEFA erfüllte, sah er im ungewohnten Zwirn wie ein Konfirmand aus. Da halte ich es dann doch eher mit dem alten Fahrensmann Jupp Heynckes, der die Kleidervorschrift am Mittwoch souverän ignorierte.
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Das nur als Nachtrag zur Kolumne vom Donnerstag. Etwas länger her ist es, dass wir über ein paradoxes Dilemma der Poker-Lobby informierten, die ihr Bluffspiel als echte »Sportart« propagiert, bei der nicht simples Glück, sondern cooles Können entscheidet. Daher will das Finanzamt von den Pokerprofis Millionen an Steuerschulden eintreiben, folgerichtig, denn nur Gewinne aus Glücksspielen sind steuerfrei. Das Urteil im Musterprozess eines Pokerprofis, der buchstäblich sein Glück beweisen will, steht zwar noch aus, aber schon sind einige seiner Kollegen ausgewandert. Zum Beispiel Weltmeister Pius Heinz, der nun in Österreich lebt.
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Dass der NDR in einer Talkshow eine alkoholisierte C-Prominente genüsslich vorführt und sich damit rausredet, das Problem von Jenny E. vor der Sendung nicht erkannt haben zu können, ist nicht paradox, sondern scheinheilig. Und öffentlich-rechtliche Scheinheiligkeit (Private wahren nicht mal den Schein) hat telehistorisch Methode. Einst sollte im ZDF-»Sport-Studio« ein Catcher live gegen einen Bären kämpfen. Doch gleich zu Beginn ein lästiger kleiner Betriebsunfall: Der Catcher blutete aus einer kleinen Platzwunde. Der »Kampf« wurde abgesagt, das ZDF lobte sich für Seriosität und Verantwortungsbewusstsein. »Unsere Meinung« dazu (vom 4. Oktober 1976!): »Der Catch-Klamauk war seit Tagen als Höhepunkt fest im Programm verankert, und auch der Bär war nicht aus dem Zoo ausgebrochen und unverhofft ins Studio getrottet, sondern geplanter Höhepunkt dieses ›Knüllers‹. Schade, dass dem Catcher das kleine Malheur mit der Platzwunde passierte. Sonst hätte man den Kampf zeigen können, der Bär hätte vielleicht seinen menschlichen Gegner zerfleischt, so dass man dann mit erhobenem Zeigefinger auf die Unsportlichkeit und Grausamkeit des Catchens hätte hinweisen können.«
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Scheinheilig auch, wenn gefordert wird, schwule Profis sollten sich outen, die Zeit sei reif dazu (siehe letzte »Montagsthemen«). Unter Sportjournalisten, die sich optimal informiert geben, wird hinter vorgehaltener Hand ein Gerücht als Tatsachenbehauptung verbreitet, dessen Wahrheitsgehalt in etwa dem gleicht, das nach Eingabe des Vornamens »Bettina« bei Google auftaucht. Ein bekannter Sportler sei an seinem Doppelleben zerbrochen, heißt es. Mhmm. Schwierig, Gerüchtemacherei zu kritisieren, ohne Interesse am Gerücht zu wecken. Oder?
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Da hilft nur ein abrupter Stimmungswechsel: Angezappt isses in Frankfurt, o’zapft is heute in München, allüberall auf den Oktoberfestsitzen sieht man goldene Dirndl sitzen. Für meine von mir zuletzt durch zu viel Sport in der Sportkolumne vernachlässigte liebste Zielgruppe gibt es zum Schluss noch einen Extra-Service zur Mode der Saison, frisch importiert aus der Bildzeitung: »So kriegen Sie ein sexy Dirndl-Dekolleté«. Schon am Tag vorher muss ein Peeling einmassiert werden, vor dem Schlafen eine Lotion, nach dem Aufwachen eine Creme (ebenfalls schön einmassieren!). Vor dem Ausgehen dann »mit großem Pinsel« (???) Glitzer- und Bronze-Puder auftragen, und, ganz wichtig: »Etwas mehr Bronze-Puder in die Brustfalte macht die Brust optisch größer.«
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Schließlich greift frau auch noch zu Doping im Sinne des Wortes, also zur Vorspiegelung besserer als der naturgegebenen Leistung mit unphysiologischen Mitteln: »Push-ups« und dazu noch »Gelkissen in die Körbchen«. Hoffentlich gibt es kein böses Erwachen, wenn es nach dem Event zur Doping-Probe aufs Exempel kommt.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle