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Sport-Stammtisch (vom 20. September)

Erster Gedanke, als Klopp im Konfirmandenanzug auftauchte, zudem kürzer behaart und beinahe  ordentlich rasiert: Bitte nicht schon wieder! Die Kostümierung schien ängstlichen Respekt vor der Champions League zu signalisieren, und ängstlicher Respekt ist so ungefähr das Gegenteil dessen, was den erfolgreichen BVB-Stil ausmacht. Aber es ist ja noch einmal gut gegangen.
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Natürlich stieg Klopp nicht freiwillig in diese für ihn atypische Arbeitskluft, sie wird von der UEFA vorgegeben, um den feierlichen Anlass gebührend zu würdigen. Das beginnt schon bei der Hymne, die kein simpler Fußball-Gassenhauer sein darf. Daher bedient sich die UEFA bei Händels »Zadok The Priest«: »God save the King, long live the King, may the King live for ever! Amen! Alleluja!«
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Irgendwie klingt bei Händel alles nach dem »Messias«, meint der Musik-Banause in mir und entschuldigt sich sofort für diese Blasphemie.
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Apropos Blasphemie: Wenn demnächst wieder Wort und Unwort des Jahres gekürt werden, steht die Blasphemie in beiden Kategorien auf der Favoritenliste. Wann und wo aber begann die neue steile Karriere dieses  fast schon vergessenen Wortes? Vor drei Jahren, im Fußball beziehungsweise in der »taz«, die Jürgen Klinsmanns Kopf auf ihrer Titelseite mit dem Haupt des Gekreuzigten austauschte und dieses Bild mit dem Monty-Python-Finalschunkler aus »Das Leben des Brian« übertitelte: »Always look on the Bright Side of Life«.
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Unterschied zu heute: Außer Klinsmann und der Kirche nahm niemand übel, und beider Ärger machte niemandem Angst, sondern wurde bejuxt. Klinsmann sprach sogar eine Fatwa aus, das heißt, er griff zum schärfsten Schwert in unserer Gesellschaft, der ordnungsgemäßen Anzeige gegen die »taz«, doch sie wurde abgeschmettert vom Landgericht, das die Menschenwürde laut Artikel 1 des Grundgesetzes nicht gefährdet sah. Wutmuslime werden etwas ernster genommen.
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Lieber schnell zurück zum Fußball. Eine latent drohende Gemeinsamkeit von Bayern, BVB, DFB und, ja, der Eintracht: Vorne läuft es, aber hinten sind sie allesamt nicht ganz dicht und offen für jeden Leichtsinns- und Stockfehler. Ausnahme von der neuen deutschen Regel: Schalke.
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Borussia – von Dortmund bis Mönchengladbach einer der verbreitetsten Klubnamen. Warum? Im frühen 20. Jahrhundert empfahl der Deutsche Zentralausschuss für Volks- und Jugendspiele den Fußballsport als gemeinschaftsbildende Maßnahme zur Bekämpfung des Sozialismus. Borussia, Fortuna, Alemannia: Die Nähe zu schlagenden Verbindungen wurde daher in den Vereinsnamen bewusst gewählt, auch weil die Spieler aus der entsprechenden Gesellschaftsschicht kamen. Die Fußballer siezten sich, der Spielführer hieß »Spielkaiser«, man strebte nach Gutbürgerlichkeit.
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Und warum sind dennoch so viele Linke unheimliche oder zumindest heimliche Fußball-Fans geworden? Ist’s das heimliche Streben nach heimeliger Bürgerlichkeit? Das fürchteten sogar schon kurz nach dem 1. Weltkrieg linke Theoretiker: Fußball fördere die Verbürgerlichung des Proletariats.
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Das Geheimnis des Fußballs werden linke Theoretiker aber nie ergründen. Auch Peter Handke nicht, schon längst kein Theoretiker mehr am linken Flügel, sondern rechter Verteidiger bei den Serben. Sein früher Erfolg »Die Angst des Torwarts beim Elfmeter« war durch fundamentales Nichtwissen geprägt: Nicht der Torwart hat beim Elfmeter Angst, sondern der Schütze. Zuletzt bewiesen durch Mats Hummels, der mit Angst in Kopf und Fuß ein echtes Konfirmandenelfmeterchen schoss.
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Und damit schließt sich der Kreis, wir sind wieder beim BVB angekommen – und dieser endlich in der Champions League. Trotz Konfirmandenanzug. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle