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Sport-Stammtisch vom 15. September

Zwei Fragen der Woche. Die erste rumort seit langem im Hinterkopf: Verblüht bei uns eine Generation der Unvollendeten schon vor der Reife? Das ist leider fast schon keine Frage mehr, sondern eher eine Behauptung.
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Die zweite Frage tauchte urplötzlich auf und beschnitt das vorherige Top-Thema radikaler als jede Vorhaut: Warum lässt eine Expräsidentengattin mit einer gigantischen PR-Kampagne ein Gerücht wieder aufleben, das manche gar nicht kannten und die meisten mittlerweile nicht mehr interessierte? Nur wegen der Bestseller-Ambition? Oder ist es kühl kalkulierte Positionierung als neue Ich-AG? Und: »Klumt« es bei ihr schon?
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Geht uns zum Glück nichts an. Konzentration auf Frage eins, Sie lesen hier schließlich eine Sportkolumne. Also: Löws Bubis. Das Dilemma begann schon beim hochgejuchzten Sommermärchen 2006, als eine große Fußball-Nation bei einer Heim-WM im Halbfinale ausschied, was bis dahin alle großen Fußball-Nationen einschließlich Deutschland als größten anzunehmenden Unfall beschluchzt hätten. Seitdem wird im 08/10/12-
Rhythmus der Titel vorgefeiert, und erst als italienische Schlachtensänger deutschen Hosenscheißerle den Marsch bliesen, tauchte auch landesweit bange die Frage auf, die in unserer kleinen mittelhessischen Kolumne schon früh gestellt wurde: Sind Löws Bubis nur Schönwetterfußballerchen?
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Hübsches Bild in einem SZ-Kommentar: »Sie können Gegenspieler in einer Telefonzelle austanzen, bisweilen könnte gar eine Briefmarke reichen. Es gab schon mal eine Spielergeneration in Deutschland, die hätte erst die Briefmarke kaputtgetreten und die Telefonzelle aufs Tor geköpft.« Denen trauern wir zwar nicht unbedingt nach, aber: Die Mischung macht’s. Seltsam auch, wie das Blasse-Bubis-Syndrom schon Neunationalspieler befällt. Zum Beispiel Marcel Schmelzer: Beim BVB eine Power-Maschine, beim DFB ein Angsthäschen. Woran liegt’s? Vielleicht an einem wie Klopp, der beim DFB auf der Bank fehlt (dort sitzt ein Hansi, schon rein physiognomisch das personifizierte Brave-Bubis-Syndrom) und beim BVB seine Jungs mitreißt, indem er stellvertretend an der Seitenlinie Briefmarken kaputttritt und Telefonzellen aufs Tor köpft.
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Von Klopp kommt auch der passende Kommentar zur neuen und unglaublich gut gemeinten Aktion »Geh deinen Weg«. Wer das Medien-Getöse überhört hat: An diesem Wochenende verzichten alle 18 Bundesligaklubs auf ihre Trikotwerbung und tragen stattdessen die seltsame Aufforderung »Geh deinen Weg«. Das soll allgemein der Integration dienen und speziell Schwulen Mut machen, sich zu outen. Die Kanzlerin verspricht sogar: »Ihr müsst keine Angst haben.« Sie hat gut sonntagsreden.
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Warum überhaupt soll irgendjemand seine wie auch immer geartete sexuelle Vorliebe öffentlich machen? Ich bin schwul! Ich stehe auf große Busen! Ich bin Gummi-Fetischist! Ich lass mir gerne einen … wen geht das was an? Wem hilft’s? Außerdem wissen schwule Fußballer besser als die Kanzlerin, was auf sie nach einem Outing zukommt, in fremden Stadien und auch in der eigenen Kabine. Die ganze »Geh deinen Weg«-Sache erinnert in ihrer Menschenferne an die ebenfalls unglaublich gut gemeinte Anti-Rechts-Aktion des DFB, als vor Jahren alle Bundesligisten an einem Spieltag für fünf Minuten ohne Rechtsaußen spielten (kein Scherz!).
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Ach so, der passende Klopp-Kommentar fehlt noch: »Ich finde die Initiative ›Geh deinen Weg‹ gut. Aber ich würde noch hinzufügen: Am besten den richtigen.« Doch selbst das greift noch nicht ganz, denn  viele Idioten, von kleinen Stadion-Rassisten bis zu den Breiviks der Welt, gehen ihren Weg und halten ihn für den richtigen.
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Ach ja, natürlich beschäftigt uns in dieser Woche nach dem Karlsruher Urteil auch eine dritte Frage: Was machen die da oben mit unserem Geld? Mit Nebenfragen: Wann und wie schnell beginnt die Inflation zu galoppieren? Wie lange kann uns Griechenland noch zum Narren halten? Das gehört zwar alles ebenfalls zum außersportlichen Themenkreis, doch da Petros Markaris seit langem unsere Kolumne mit seinen Kostas-Charitos-Krimis begleitet, weisen wir wenigstens kurz darauf hin, dass Markaris seine »kriminelle« griechische Tragödien-Trilogie nach dem »Faule Kredite«-Auftakt nun mit »Zahltag« fortsetzt (bei Diogenes erschienen). Diesmal lässt der Autor den Sport ganz außen vor, der in früheren Krimis oft eine Rolle als Miniaturkopie der griechischen Lebenswelt gespielt hat. In »Zahltag« exekutiert nun ein Mörder, der sich »nationaler Steuereintreiber« nennt, besonders dreiste Steuerhinterzieher. Ein echter, witzig-bitter-sarkastischer Markaris und auch jenen sehr zu empfehlen, die ihr »Griechen-halten-uns-zum-Narren«-Vorurteil pflegen. Denn nicht »die« Griechen halten uns zum Narren, sondern jene kleine Schicht, die sich am griechischen Klientel- und dem europäischen Subventionswesen gesund und steinreich gestoßen hat.
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Wir Deutsche dagegen sind edel, hilfreich, gut, anständig, fleißig, gemeinnützig … apropos: Unsere grundsoliden Volks- und Raiffeisenbanken unterstützen traditionell gemeinnützige Initiativen. Jetzt sogar in Griechenland. Denn was sehe und lese ich in meinem Leib-und-Magen-, meinem Souvlaki-und-Ouzo-Blatt, der in Athen erscheinenden Griechenland-Zeitung? Eine ganzseitige Anzeige preist dort »Private Banking made in Luxembourg« an. Gemein nützig? Und von wem kommt diese Anzeige? Von der deutschen DZ-Bank, dem Zentralinstitut unserer Volks- und Raiffeisenbanken. Wenn das der »nationale Steuereintreiber« liest!
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Nach den drei Fragen zum Schluss noch der Aussagesatz der Woche: »Er ist ein großartiger Mensch, wir lernen uns gerade von einer völlig neuen Seite kennen.« Wer sagt das? a) Uli Hoeneß über Willi Lemke, b) Heidi Klum über ihren Leibwächter oder c) Bettina Wulff über … aber auch das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle