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Wer bin ich? (September-Runde)

Ich bin ein echter Sportfreak. Na klar, was denn sonst? Wer keinen Sport treibt, wird schnell alt, geistig wie körperlich. Meine Frau ist zwanzig Jahre jünger als ich und sieht klasse aus, aber wir könnten als gleich alt durchgehen. Das liegt auch an meiner gesunden Ernährung. Ich rauche nicht, trinke ausschließlich gutes Mineralwasser, niemals Alkohol oder Kaffee, und ich esse nur Steak und Salat, Salat und Steak.
Und Sport, Sport, Sport. Mein alter Schulfreund treibt keinen Sport und isst und trinkt soviel, wie er will. So sieht er auch aus. Der arme alte Kerl.
Wer physisch und psychisch fit bleibt wie ich, der hat nun mal Erfolg im Leben, im Beruf, bei den Frauen. So wie ich. Das verhehle ich gar nicht. Manche schimpfen mich daher Angeber oder gar Blender, aber das ist der Neid der Besitzlosen. Sie sehen mich, jung und braungebrannt, das Hemd bis zum Gürtel aufgeknöpft (das könnten die sich gar nicht leisten, bei deren Wampe), und dann giften sie eben. Sie sagen es mir natürlich nicht ins Gesicht, dazu haben sie nicht den Mut. Hintenrum schwärzen sie mich bei ihren Frauen an. Sollen sie ruhig. Wenn sie wüssten, was ihre Frauen von ihnen halten und wie gerne sie ihre Versager gegen mich eintauschen würden!
Immerhin, meinen alten Kumpel habe ich jetzt doch einmal beeindruckt. Einem Bauern ging der Gaul durch, nicht im übertragenen Sinn, sondern in echt, das Vieh galoppierte direkt auf uns zu, aber ich fing es ein, schwang mich drauf und brachte es als geübter Reiter zur Ruhe.
Mich bringe ich nie zur Ruhe. Ich lebe spontan, wild und nutze jede Sekunde. Ich reite, wandere, segle, laufe … obwohl, beim Laufen hatte ich ein Misserfolgserlebnis, das gebe ich zu. Ich laufe jeden Tag meine Strecke auf dem Sportplatz am Yachthafen, 2000 Meter, und als ich mich auf 5:11 Minuten verbesserte, das wäre, zum Beispiel, russische Jahresbestzeit, erfuhr ich von einem der alten Knacker dort, die Bahn habe nicht 400 Meter, wie es sich gehört, sondern nur 300, ich bin also immer nur 1500 Meter gelaufen. Trotzdem: 5:11 über 1500 Meter, das läuft nicht jeder Zehnkämpfer und schon gar kein 46-jähriger Geschäftsmann wie ich.
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Momentan segle ich mit meinem Kumpel. Ich will und muss ihn dazu bringen, dass er sein bequemes, faules Nicht-Leben aufgibt und wird wie ich. Wir haben Sturmwarnung! Er hat Angst, ich lebe auf. Vom Ufer her zucken gelbe Warnlichter, Böen rauschen heran. Das ist eine Gewitterfront, die liefert uns alles, was wir brauchen, juchze ich dem Angsthasen zu. Ich schreie vor Vergnügen, unterhalte mich mit dem Wind, die gelben Lichter zucken mit doppelter Geschwindigkeit. Vollwarnung! Ich singe »Lucy in the sky« und …. WAS MACHT DER DA??!!
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Tja, was bloß? Wer macht was? Ihn suchen wir, den Unsportlichen, nicht den »taffen« Angeber. Einsendeschluss: 29. September. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle