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Sonntag, 9. September, 6.30 Uhr

Soll ja noch sommerlich heiß werden, heute früh aber ist es noch frühherbstlich klamm und feucht und dunkel. Was liegt da auf der Straße? Schon wieder ein Fuchs? Ist aber schon so deformiert, dass es auch ein Waschbär sein könnte. Problem: Bin zwar noch nicht ganz von gestern, in Gedanken aber seit ein paar Tagen ganz in den 50er Jahren. Neues Projekt, ”So wahr das”, eine Art Doku-Roman, Text-Collage mit Zeitzeugnissen, Presseartikeln, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, wobei die Artikel echt sind und die Briefe und Tagebuchaufzeichnungen fiktiv, aber an den Zeitereignissen orientiert und so authentisch wie möglich. Kleiner Test für Blogleser: Welcher der beiden Texte ist original, welcher Phantasie? Nummer eins:

Eine Gruppe, die sich „Organisation der jüdischen Partisanen“ nennt, erklärte sich am Montag für den Attentatsversuch auf Bundeskanzler Dr. Adenauer verantwortlich. In einem Brief, der am Samstag in Genf aufgegeben worden war und am Montagmorgen im Pariser Büro der United Press eintraf, schreibt die Organisation: „Unsere Kameraden haben ihre erste Aktion auf deutschem Boden durchgeführt. Ein mit Explosivstoffen gefülltes Buch wurde an die Adresse des Kanzlers des Mördervolkes, Dr. Konrad Adenauer, gesandt. Durch Zufall explodierte die Bombe in den Händen eines Polizeibeamten des Herrn Adenauer, der das Buch öffnete.“ In dem Schreiben hieß es dann weiter, die Organisation habe diesen Anschlag unternommen, weil das deutsche Volk immer noch versuche, „die Welt zu versklaven“. In dem Schreiben stellt die Gruppe fest, sie befände sich mit Deutschland „im Krieg“. Ihr Ziel sei Vergeltung für die „sechs Millionen kaltblütig ermordeten Juden“, die unter dem Hitler-Regime umkamen. Der „Krieg“ werde für „Generationen“ dauern und „deutsche Väter und Söhne werden ihn an ihrem Fleische spüren“. (UP/1. April 1952)

Nummer zwei:

VfB Gießen lädt für Samstag zum Lichtbildervortrag “Aus dem Leben eines Sportredakteurs” ein. W. Reinert berichtet über seine Erlebnisse bei Länderkämpfen, Europameisterschaften, über seine Begegnung mit dem Tiefseeforscher Hass und anderes. (aus der Rubrik “Veranstaltungen”/4. April 1952)

Und? Was ist echt, was ist ausgedacht? Beides ist echt! Echt und ehrlich! Zugabe:

Hitlerdouble in Nöten: „Allmählich wird es mir zu bunt“, erklärte uns Heinrich Noll, der stadtbekannte Doppelgänger Adolf des Verführers. „Wo ich auch erscheine, überall laufen die Leute mir nach. Davon kann ich als Erwerbsloser aber leider nicht leben.“ Noll ist zwar um zwei Zentimeter kleiner als sein „großes“ Vorbild, aber sonst unverkennbar „ihm“ täuschend ähnlich. „Ließe doch die DEFA endlich etwas von sich hören“, meinte er, als wir ihn über seine Zukunftsabsichten befragten. „Dieser Filmgesellschaft habe ich neulich ein paar Aufnahmen von mir geschickt, weil sie immer noch einen Hauptdarsteller für ihren Film über den Untergang des Dritten Reiches sucht.“ Daß sich außer ihm bereits 300 andere Bewerber um die gleiche Rolle bemüht haben, weiß er. (7. Januar 1950/Gießener Freie Presse)

Auch das: Echt und authentisch. Später wurden dem Hitlerdouble nachts nach einer Kneipentour von Unbekannten der Bart abrasiert und die Haare abgeschnitten, aus war’s mit der Filmkarriere. Sachen gab’s. Hoffentlich gibt’s auch Sachen für die Montagsthemen. Muss die Gedanken wieder ins Heute beamen. Montagsthematisch nicht viel zu machen. Keine Bundesliga, Faröer kein Thema, Paralympics auch nicht mehr, Leichtathletik-Saison beendet. Was tun? Was schreiben? Mal sehen. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle