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Sport-Stammtisch (vom 8. September)

Das Fußballspiel gegen jenes Eiland im Nordatlantik spielt bei uns keine Rolle, nicht zuletzt, weil es noch gar nicht begonnen haben wird, wenn diese mittelhessische Festlandskolumne bereits geschrieben sein muss. Sooo einfach kann es aber gar nicht gewesen sein, gegen die Faröer spielen zu dürfen, denn es ging ja gar nicht gegen ein Eiland, ein Inselchen, sondern gegen 18 Inseln, elf Holme und 750 Schären, wobei die Holme nichts mit Barrenturnen zu tun haben und Schären nicht schneiden. Insgesamt also hatte es Deutschland gestern nach Rechenmeister Jahn (oder war’s Turnvater Riese?) mit 779 Eilanden zu tun, und das ganz alleine – alle Achtung!
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Nach dieser kleinen Inselkunde für Kontinentalhessen kommen wir zum Doppelthema, das nach Meinung einiger Stammleser für mich ein zweifacher innerer … Dingsbums gewesen sein muss. War es aber nicht. Zwei Namen dazu: Armstrong und Pistorius.
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Armstrong: Dass der Ami endlich »erwischt« sei, müsse nach all meinen jahrelangen einschlägigen Kommentierungen doch eine große Genugtuung sein? Nein. Erstens ist er noch nicht »erwischt«, zweitens sogar clever genug, noch zu entwischen, und drittens habe ich ihm nie den sportlichen Respekt versagt. Armstrong war einfach besser, leider, als alle Rivalen einschließlich Ullrich. Weil: Er trainierte, dopte und fuhr wie jeder andere auch, nur tat er es konsequenter, zielstrebiger und rücksichtsloser gegen sich und andere als die Konkurrenz.
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Und skrupelloser. Sobald Jan Ullrich auf das Thema Doping angesprochen wurde, reagierte er als braver Sportler in verdruckster Scheu und begann in sichtbarem Schuldbewusstsein derart zu transpirieren, dass man ihm am liebsten Schweißblätter zwischen die Achseln gelegt hätte. Lance Armstrong dagegen kanzelte Kritiker eiskalt ab und spielte den Helden auch im Kampf gegen das Doping, den er sogar kaltschnäuzig mit sechsstelligen Summen unterstützte (dass er sich dabei freikaufte und/oder Premiuminfos über den Stand der Kontroll-Dinge erhielt, durfte und darf man nicht behaupten).
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Im Ränkespiel mischt nun auch die lange Zeit inaktive USADA mit, die US-Dopingagentur. Dass sie Armstrong signalisiert, bei einem Geständnis sei eine Reduzierung der Sperre möglich, ist dabei nur ein Publicity-Gag, der den Medien zum Schlagzeilenfraß hingeworfen wird. Zum anderen ist für den Vierziger Armstrong eine Sperre kein Thema, sondern die Aberkennung der Tour-Titel, und da tut zwar die USADA, als hätte sie ihm diese schon aberkannt, aber sie kann das gar nicht, das ist Sache des Weltverbandes UCI, außerdem kommt nur ein Titel zur Aberkennung in Frage, der Rest ist verjährt.
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Pistorius: Dass er verliert und sich beschwert, der Sieger habe sich einen unfairen technischen Vorteil verschafft, bestätigt zwar meine fast armstrongalten Ausführungen zur Sportprothesen-Problematik, hat aber mit meinem Unbehagen an den »Medien-Paralympics« (Süddeutsche Zeitung) wenig zu tun. Die »Weltspiele der Behinderten« wurden 1988 zum »Neben(=para)-Olympia« umgetauft, und seitdem wachsen zusammen mit der – nur punktuellen – Medien-Beachtung auch die Probleme. Die Vielzahl der Disziplinen und Schadensklassen müsste drastisch verringert werden, um nicht, zum Beispiel, Unterschenkelamputierte beim Diskuswerfen zur Wahrung der Chancengleichheit an ihrem Stumpf festbinden und an Ketten fixieren zu müssen. Echte Eingliederung in die sportliche Gesellschaft müsste man auf anderen Wegen anstreben. Zum Beispiel, indem man sich nicht in das Paralympics-Ghetto zurückzieht, sondern in ausgewählten Sportarten zusammen mit nichtbehinderten Konkurrenten Wettkämpfe bestreitet und die eine oder andere geeignete Disziplin gleichberechtigt in das »normale« Olympiaprogramm aufnimmt. Da könnte das IOC als zuständiger Veranstalter wahre Integrationskraft beweisen! Ideal geeignet wären der rasante  Sport Rollstuhlbasketball oder das Rollstuhlfahren (Zanardi – einfach grandios!). Wie schnell fiebert doch die ganze nichtbehinderte Nation mit, wenn es um »unsere« Medaillen geht! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle