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“Frisch verknallt!”

Liebes Eintracht-Tagebuch, vor ein paar Monaten ist in der Familie eines Freundes etwas Schönes passiert. Da hat sich nämlich der Großvater nach vielen Jahren wieder in die Großmutter verliebt! Nein, die waren nicht getrennt oder so. Die haben die ganze Zeit zusammen, oder genauer gesagt, zusammen aber nebeneinanderher gelebt. Außer ab und zu mal gemeinsam frühstücken oder einkaufen gehen war da nichts mehr. Aber dann hat die Oma plötzlich einen Rappel bekommen, hat sich beim C&A komplett neu eingekleidet, ist zum Friseur, zur Maniküre usw.
Und wie sie da eines Tages so frisch rausgeputzt vor ihm stand, hat er sie auf einmal ganz intensiv angeschaut, gegrinst, und dann zu ihr gesagt »Weißte Amanda, isch lieb dich ja eigentlisch schon immär … aber örschendwie isses grad noch annerster!« Worauf sie geantwortet hat: »Des freut mich! Und wenn du jetzt noch deine hässliche braune Breitcordhos verbrennst, dadefür neue Klamotte käufst, des wirre Unkraut uff deinem Kopp zurechtschneide lässt und dir außerdem beim Zahnarzt mal deinen jahrhundertealten Zahnstein wegmache lässt, dann könnts noch ma rischtisch funke zwische uns!« Was er denn auch gemacht hat. Seitdem, sagt mein Kumpel, könne man die beiden kaum beschreiben … aber »frisch verliebte Teenies« träfe es wohl am Ehesten.
Ja, liebes Tagebuch, da sieht man mal, wie sich manchmal selbst noch so eingefahrene Zustände plötzlich ändern können, und dass man oftmals gar keine megateuren Geschenke braucht oder sonstigen Riesenaufwand betreiben muss, damit sich was tut.
Natürlich weißt Du, warum ich Dir das schreibe! Genau, weil die Eintracht es ähnlich gemacht hat! Wobei ich jetzt weniger das neue Trikot meine, sondern ihre neu frisierte Spielkultur, die ihr ein Figaro namens Veh verpasst hat! So wie die Mannschaft jetzt zweimal gespielt hat, haben wir sie gefühlte tausend Jahre nicht mehr in der 1. Liga auftreten sehen.
Klar wissen wir, dass das kein Dauerzustand sein kann, und dass auch die Rückschläge kommen werden. Dass wir erst mal abwarten müssen, wie der gesamte Kader funktioniert, wenn es Verletzte gibt usw. Aber trotzdem sieht das alles neu aus und gut!
Als ich nach dem Spiel in Hoffenheim zufällig an einem Spiegel vorbeigelaufen bin, habe ich festgestellt, dass ich einen total entspannten, ja frohen Gesichtsausdruck hatte. »Hm«, habe ich gedacht, »da siehst du mal, was die Eintracht doch immer noch so alles in dir auslösen kann!«
Aber als ich dann am selben Abend mit meinem Soloprogramm ausgerechnet in Frankfurt aufgetreten bin, habe ich schnell begriffen, dass ich nicht der Einzige war, den es erwischt hatte. Im ganzen Publikum, ob Jung oder Alt, nur grinsende Gesichter. Ich hab nur gesagt: »Was gibt es besseres, als an so einem Tag aufzutreten..?« – und schon hat der Saal getobt. Und das nicht wegen mir! Alle frisch verknallt!
Übrigens … damit die Eintracht nicht denkt, dass wir Fans in dieser Phase des Neuentdeckens nicht auch zu Veränderungen bereit sind, habe ich ebenfalls meine alte Breitcordhose weggeschmissen, war beim Friseur und hab Freitag einen Termin beim Zahnarzt. Wobei ich nicht wirklich gern zum Zahnarzt … abgesehen davon, dass ich Freitag ziemlich viel vor habe und es terminlich eng werden könnte … ich werd sehen … aber wie gesagt … die Breitcordhose ist auf jeden Fall schon mal weg! Und Maniküre kann ich mir auch vorstellen. In diesem Sinne!  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle