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Sonntag, 2. September, 6.42 Uhr

Sechs Uhr zweiundvierzig also. Die genaue Zeit ist wichtig denn: Warum es so viel leichter ist, einen Internet-Blog zu schreiben als eine Zeitungs-Kolumne wie die Montagsthemen. Der Beweis folgt. Es beginnt schon damit, dass ich nicht nachprüfe, wie viele Kommas in den Satz “Warum es so viel leichter ist, einen Internet-Blog zu schreiben als eine Zeitungs-Kolumne wie die Montagsthemen” nun wirklich gehören (null, eins wie hier oder zwei?) und ob ich  ”so viel” oder “soviel” schreiben muss. Dass auf der frühmorgendlichen Fahrt der Horizont knallgelb strahlt und dass dies für einen schönen Tag spricht, was abends (abends oder Abends? Ist doch hier egal) untrügliches Indiz für Sauwetter wäre, gehört ebenso wenig (ein Wort oder zwei?) in die Zeitung wie die Selbstgespräche beim Sichten der nächtlichen Agenturmeldungen. Und dann der Zettelkasten auf dem Tisch und im Kopf, in den letzten Tagen gewachsen. Noch ganz ohne aktuellen Fußball und ohne Assioziationen, die bei der demnächst folgenden Lektüre der vier Samstags- und drei Sonntagszeitungen den Zettelkasten mal mehr, mal weniger bereichern. Und jetzt geht’s los.

“Sie lief um ihr Leben. Eine Somalierin träumte von London 2012″ (Zeit). Sie starb wahrscheinlich auf der Flucht in einem Boot, kurz vor Lampedusa. Samia Yusuf Omar wurde 2008 in Peking kurzzeitig weltberühmt, als sie, 16 Jahre alt, im 200-m-Vorlauf knapp 33 Sekunden lief, also in etwa so schnell wie jeder und jede von uns. Das Erlebnis hatte sie derart euphorisiert und inspiriert, dass sie unbedingt auch an Olympia in London teilnehmen wollte. Daher die Flucht, nicht aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen. Sie starb also auch wegen der im Wortsinn und auch im tieferen sportlichen Sinn unsportliche Verklärung von “Exoten” bei Olympia. Der eine verdient(e) Geld damit (Eddie the Eagle), andere werden schnell vergessen – und Samia Yusuf Omar stirbt. Das arme Mädchen.

EU-Kommissar Günther Oettinger fühlt sich in Brüssel “gelöster” als früher. Warum, sagt er im Zeit-Interviev: “Hier in Brüssel könnte ich bei Rot über die Ampel gehen. Wenn ich das in Stuttgart gemacht hätte, hätte das sicherlich irgendwer fotografiert und einer Boulevardzeitung zugesteckt.” Wohl wahr. Interessanter aber, dass “bei Rot über die Ampel gehen” für Politiker ein Traum vom Glück zu sein scheint. Schnell ins Archiv geklickt und hier eingefügt: Bei uns klingelte es in der Sportredaktions-Mailbox. Anlass: Die Überschrift zum Interview mit einem London-Experten, der dem Klischee vom geduldig Schlange stehenden Engländer widersprach. »Auf jeden Fall bei Rot über die Ampel gehen.« Klar, nicht sehr vorbildlich. Die Kinder! Als mich unser Sportchef »ra« über die Proteste informierte, las ich gerade in der »SZ« ein Interview mit Ole von Beust, der sich nach dem Ausstieg aus der Politik über einige Vorteile freut. Einen packte die »SZ« in die Überschrift: »Ich kann wieder bei Rot über die Ampel gehen.«

USADA, die US-Dopingagentur, hat sich einen weiteren Publicity-Gag ausgedacht und Lance Armstrong signalisiert, bei einem Geständnis sei eine Reduzierung der Sperre möglich. Zum einen interessiert Armstrong keine Reduzierung der Sperre, sondern eine (unwahrscheinliche) Annulierung, die Reduzierung wird auch nicht ihm signalisiert, sondern den Medien zum Schlagzeilenfraß vorgeworfen (und die funktionieren pawlowgewöhnt, ohne den PR-Hintergrund zu thematisieren). Zum anderen ist für den Vierziger Armstrong eine Sperre kein Thema, sondern die Aberkennung der Tour-Titel, und da tut zwar die USADA, als hätte sie ihm diese schon aberkannt (auch hier funktionieren die Medien wie gewohnt und gewollt), aber sie kann das gar nicht, das ist Sache des Weltverbandes UCI, außerdem kommt nur ein Titel zur Aberkennung in Frage, der Rest ist verjährt.

Und nun zu den Paralympics. Da muss selbst der Zettelkasten sogar für den Blog stark gekürzt werden: Ilke Wyludda, die (siehe Samstags-Sport-Stammtisch) zu den Prämien-Angleichungsforderinnen gehört, war 1996 in Atlanta mit einer knappen Siebziger-Weite Olympiasiegerin im Diskuswerfen , sogar ohne leistungsfördernden Gegenwind, und warf als Teenager in der internen DDR-Qualifikation von 1988 unfassbare 75,36 m (als Zweite hinter Martina Hellmann, 78,14!!!), was das bedeutet, muss nicht erwähnt werden. Über die »Schmerzensfrau der Leichtathletik« (FAS), der nach OP-Komplikationen ein Bein amputiert werden musste, erfuhr man  nebenbei, dass sie bei der Doping-Kontrolle einmal die gleichzeitige Einnahme von 63 Medikamenten angegeben hatte – allesamt medizinisch »angezeigt«, also erlaubt. Fast rührend eine weitere Eigentümlichkeit,  über die man sich im DLV irritiiert Gedanken gemacht hatte: Ilke Wyludda pflegte, hieß es,  eine fast symbiotisch abhängige Beziehung zu einer älteren Betreuerin, einer Ärztin, und zu Wettkämpfen nahm sie Kuscheltiere mit, mit denen sie zu sprechen pflegte.

Die Paralympics importieren mit ihrer wachsenden medialen und geldwerten Bedeutung auch zwangsläufig die Probleme des »normalen« Event-Sports. Dazu kommen die wachsenden Probleme der Klassifizierungen – mal ist eine nicht blind genug, mal fehlt einem anderen zu wenig Hand, um als amputiert zu gelten.  Ein Problem dagegen scheint gelöst: Das »Boosting«, bei dem sich behinderte Sportler Nägel in die gelähmten Körperteile hämmern. Das tut in gelähmten, also unempfindlichen Regionen nicht weh, der Körper reagiert trotzdem mit vermehrtem Adrenalinausstoß und einer angeblich um bis zu 15 Prozent erhöhten Leistungsfähigkeit. Dieser vegetative Dysreflex kann aber erkannt werden und führt zu Wettkampfausschluss, egal ob spontan natürlich aufgetreten oder betrügerisch bewusst ausgelöst, denn es besteht unter Umständen Lebensgefahr.

Spanien gewann 2000 in Sydney Basketball-Gold bei den geistig Behinderten – mit Spielern, die ihre Behinderung nur vortäuschten. Eines der ekelhaftesten Täuschungsmanöver im modernen Sport, zudem noch gedeckt vom spanischen Verband der Behinderten, um an höhere staatliche Zuschüsse zu gelangen.

Echte Eingliederung in die sportliche Gesellschaft müsste man auf anderen Wegen anstreben. Zum Beispiel, indem man sich nicht in das Getto von Behinderten-Spielen zurückzieht, sondern mit den Nicht-Behinderten zusammen seine Wettkämpfe bestreitet. Statt Behinderten-Olympia sollte man die eine oder andere geeignete Behinderten-Disziplin einfach gleichberechtigt in das Olympiaprogramm aufnehmen. Wie schnell fiebert doch die ganze nichtbehinderte Nation mit, wenn es um ›unsere‹ Medaillen geht!«

So, das waren einige alte Gedanken zum Thema. Warum ist Pistorius so viel besser als andere amputierte Sprinter? Sein deutscher Konkurrent David Behre, ein Bewunderer von Pistorius, sagt dazu (vor einer Woche im FAS-Interview): “Viele vergessen einfach, dass Oscar fast von Geburt an amputiert ist und damit nichts anderes gewohnt ist. (…) Er kann auf den Stümpfen quasi laufen, sie voll belasten. Das könnte ich nie, da würde mein Knochen durch die Haut kommen. Bei ihm sitzt der Stumpf direkt in der Prothese auf, bei mir geht es darum, möglichst wenig Endkontakt zwischen Stumpf und Prothese zu haben.”  Das kommt in den zweiten Zettelkasten, den für “Ohne weitere Worte”.

Paralympics und Medaillenspiegel: Wer an der Spiegelfechterei schon bei Normal-Olympia leidet, den quält bei den Paralympics der Gedanke, dass Länder mit vielen Kriegsopfern bevorteilt sind, weil sie viel mehr “Nachwuchs” haben als andere, dass aber gleichzeitig diese Länder reich sein müssten, um im Medaillenspiegel vorne zu stehen, denn die mit den meisten Kriegsopfern (Kambodscha beispielsweise hat den größten Anteil an Amputierten – Landminen!) haben gar nicht die Möglichkeiten ihre potenziellen Athleten erfolgversprechend Leistungssport treiben zu lassen.

 Dass am Leistungssportsystem in Deutschland einiges nicht stimmt, ist eine alte Behauptung von mir, beginnend mit der grauen Eminenzerei des BAL in Zeiten des kalten Krieges. Jetzt gibt es einige Studien, die meine Behauptung stützen, vertiefen und wissenschaftlich abgefedert vorstellen. Ein Thema allerdings, bei dem ich lange nachdenken, Historisches, Erlebtes und jetzt die Studien vergleichen müsste und danach sehr sorgsam  ans Schreibwerk gehen müsste. Nichts für den Blog also, und für die Zeitungskolumnen auf die lange Bank abgeschoben.

Aus dem “Dossier” in der Zeit über  Reiner Calmund (Titel: “Mich kann  keiner doubeln”): Der Bayer-Konzern warf ihn im Jahr 2004 raus, nachdem der Verdacht auf veruntreute Gelder aufgekommen war, angeblich 580 000 Euro. (…) Der Konzern hatte sich mit ihm arrangiert: Kein böses Wort mehr über den anderen  und eine vorzeitige Direktorenpension, die sich Schritt für Schritt erhöht, so lange, bis er 65 wird. Inzwischen ist er bei rund 10 000 Euro im Monat angekommen, Calmunds Grundversorgung. Er ist jetzt 63.” – Ab in den OWW-Zettelkasten.

Wie auch Rudi Völlers Wutausbruch (SZ-Interview), nicht über Waldi Waldemar Waldison, sondern, nach dem vorigen Wochenende (Bayer-Niederlage in Frankfurt), über einen Fernsehkrimi: “Das war aber auch wirklich ein schlimmes Wochenende. Erst diese total unnötige Niederlage, dann muss ich am Sonntag im Doppelpass diese Niederlage vernünftig erklären – und dann dieser Tatort an Abend! Ich bin ja ein leidenschaftlicher Tatort-Gucker und hab mich auf die Ablenkung nach diesem Wochenende gefreut. Ich gucke in die Programmzeitung und sehe: Schweizer Tatort. Komm, dachte ich, gibst du den Schweizern mal eine Chance. Und dann setze ich mich vor den Fernseher und sehe, das können Sie ruhig so schreiben, den beschissensten Tatort aller Zeiten. Was für ein traumhaftes Wochenende!” 

Fernsehen. Demnächst Daschner-Drama im ZDF. Die Frage natürlich: Darf man foltern? Vielleicht hilft Quantität bei der Qualität der Frage: Würde man darüber diskutieren, wenn ein Verbrecher – sagen wir: Einer wie der Norweger, dessen Name nicht erwähnenswert ist – in Frankfurt keinen Jungen entführt, sondern eine Atombombe zeitgezündet hat, verhaftet wurde, aber den Ort nicht preisgibt, wo sich die Bombe befindet, die nach 24 Stunden Frankfurt auslöschen wird. Keine Schmerzen androhen? Keine Schmerzen zufügen? 

Gruseliges, großes Interview im SZ-Magazin mit einem forensischen Psychiater (“Moral spielt für mich keine Rolle”), gespickt mit widerlichen Details von perversen Morden, aber auch einer Opfer-Theorie: “Wenn man schon Opfer von Gewalt wurde, muss man vermeiden, dass es noch mal passiert. Wer schon mal Opfer war, hat ein größeres Risiko, es wieder zu werden.” – Warum? – “Sind Sie schon mal vom Hund gebissen worden? Dann gilt für sie eine höhere Wahrscheinlichkeit, noch mal gebissen zu werden, weil Sie Signale setzen, die ein Hund erkennt. Es wird nicht jeder Opfer.”  Sie haben selber Kinder. Was haben Sie denen geraten?  “Begib dich nicht in den Wald, von dem du weißt, dass da die Räuber sind. Meine Tochter wollte auf eine Party und sollte dafür drei Stunden in der Nacht am Bahnhof warten. Da hab ich sie gefragt: Spielen wir hier ‘Vergewaltigung üben’ oder was?” – Meine Rede. Auch ab in den OWW-Zettelkasten? Viel zu lang, müsste sinnerhaltend gekürzt werden.

Notiz zu Reus: schnell UND ausdauernd. Ungewöhnliche Kombination, eigentlich eine fast unmögliche (es gibt keinen guten Sprinter, der auch ein guter Langstreckler wäre). Daran müsste ich lange bosseln, um es kurz und griffig in die Montagsthemen zu bringen. Wie so vieles andere auch.

So! Acht Uhr zwei. Nach Turnvater Riese und Rechenmeister Jahn habe ich nun 80 Minuten lang gebloggt, in der Zeitung hätte ich damit eine ganze Seite ohne Bilder und Schlagzeilen gefüllt. Aus dem allem und noch viel mehr wird nachher eine kurze und hoffentlich knackige Montagsthemen-Kolumne. Aber jetzt erst mal der Sonntagmorgen-Kaffee. Hab ich mir verdient. Oder? Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle