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Sonntag, 2. September, 11.05 Uhr

Montagsthemen so gut wie fertig. Vieles vom Blog eins zu eins übernommen. Anmaßung oder Feigheit? Es hat einfach gejuckt, die frühmorgendlich ungefilterten Gedanken auch dem Butter-und-Brot-Zeitungspublikum vorzustellen. Natürlich vieles ausgelassen, auch im Blog schon, wie der Anstoß, den Bodo Gemmeker mit den Gehern liefert (siehe “Mailbox”/Link rechts), als Ergänzung zum Sport-Stammtisch vom Samstag zu dieser leichtathletischen Disziplin, in der Laufen verboten ist, obwohl sie nicht gerade überlaufen ist. Mir fällt dazu der legendäre Trainer Sepp Christmann ein, der auch einmal an mir sein Glück versucht hatte (erfolglos) und oft verblüffende Beispiele zur Hand hatte. Zum Beispiel das Trainieren als “Etüden üben”, oder der Grund, warum beim Kugelstoßen der Ellbogen hoch sein muss (weil dadurch mehr Kraft entwickelt wird, als Beispiel nannte er einen Autounfall, bei dem er sich als Beifahrer instinktiv an die eigene Regel hielt und sich beim Aufprall abstützte – Ellbogen hoch, statt tief. Versuchen Sie’s mal nachzustellen, mit tiefem Ellbogen, wie beim Werfen des Nichtsportlers, gibt man dem Druck viel leichter nach.) Auch zum Gehen wusste er ein schönes Bild. Aber zunächst mal fiel mir auch ein altes, faszinierendes Thema ein, ich klicke rein ins eigene Archiv:

In Zusammenhang mit den ersten Diskussionen um Pistorius war ich schon vor einiger Zeit auf die Geschichte eines einbeinigen Collegesportlers gestoßen, der vor knapp 30 Jahren im »normalen« Football- und Basketball-Collegeteam mitspielte und sogar den Dunking schaffte – ohne Prothesen, einbeinig! Aus meiner Sicht eine der unglaublichsten und bewundernswürdigsten Leistungen der Sportgeschichte. Der mit nur einem Bein geborene Carl Joseph, genannt »Sugarfoot«, ist noch auf youtube in alten Videos zu sehen. Wer’s noch nicht kennt, muss sich das unbedingt anschauen. Unfassbar. Wahnsinn. * Dazu aber die schon einmal gestellte Frage: Warum würde »Sugarfoot« in einer gewissen olympischen Traditionssportart schon bei der ersten Bewegung disqualifiziert? (Beim Gehen, denn dort muss immer ein Bein am Boden sein)

Nun zurück zu Christmann: Er spottete über literarische Falschbeschreibungen des Gehens wie “er setzte einen Fuß vor den anderen”, wenn man das versuche, einen Fuß vor den anderen zu setzen, sähe das unmöglich aus und man falle unweigerlich hin, wenn man einen Fuß nach vorne setze und krampfhaft darauf achte, dass der hintere Fuß sich erst löst, wenn der vordere “gesetzt” ist. Das ist ja das Dilemma der Geher: Wenn’s schnell “gehen” muss, muss man laufen, also den hinteren Fuß schon lösen, wenn der vordere noch nicht Fuß gefasst hat. Daher auch das typische Hüftgewackel, mit dem man versucht, das Gehen-Laufen-Dilemma auszugleichen, was aber bei höherem Tempo fast unweigerlich zum Laufen führt.

Zu Christmann fällt mir noch ein, dass er auch im Sport-Leben eine Rolle spielt (ebenfalls Link rechts). Zum Schluss für heute klicke ich auch da noch mal rein, denn da spielt ein gerade aktuelles Thema (der vom Speer getroffene Kampfrichter) ebenfalls ein Röllchen:

Alles auf eigene Faust! Ich verzichte daher auch auf die Hilfe von Sepp Christmann. Der alte Mann lebt in Wetzlar, gilt als Guru der Wurfdisziplinen und hatte 1936 die Grundlage für einige Goldmedaillen deutscher Athleten gelegt. Christmann ist in früheren Jahren von einem fünfzehn Pfund schweren Wurfhammer am Hals getroffen worden, hat die lebensgefährlichen Verletzungen aber gut überstanden. Nur ein leicht schief gehaltener Kopf und die stets heisere, fast tonlose Stimme erinnern noch an den Trainingsunfall. Nur einmal und nie wieder trainiere ich mit Sepp Christmann, der sich nicht im geringsten für das interessiert, was ich im Keller der Goldfischteichhalle anstelle. Krafttraining existiert für ihn nicht, ausschließlich Theorie und Praxis von Stoß und Wurf faszinieren ihn. Bei mir ist es umgekehrt: Mir sind nur Körpermasse und -kraft wichtig, dann kommt die Kugelstoßweite von alleine, glaube ich und beweise es Woche für Woche. Christmann dagegen ist höchst zufrieden, als ich bei einem Trainingsstoß widerwillig alle seine Anweisungen befolge und einen nach Meinung des Trainers optimalen Stoß hinlege. Jetzt kann man, meint Christmann, täglich die »Etüden« üben, die Stoßbewegungen isoliert und konzentriert trainieren, dann würde ich die Weite oft wiederholen und vielleicht sogar um ein paar Zentimeter steigern können. Bei dieser Perspektive werde ich wütend. Aus Respekt vor dem alten Mann sage ich nichts, verabschiede mich höflich und komme nie wieder zu ihm. Ein paar Zentimeter, und das auch nur vielleicht – die Zentimeter würde ich schon morgen oder spätestens übermorgen erreichen, im Lauf der Zeit würden es viele, viele Zentimeter sein, immer mehr, immer weiter, ohne Stillstand, ich muß nur immer noch ein bißchen schwerer und noch ein bißchen stärker werden, mich äußerlich immer mehr den »Tieren« angleichen, von denen Günter berichtet hat.

Undsoweiterundsoweiter. Endet sportlich unerfreulich. Wer sich’s antun möchte …

Baumhausbeichte - Novelle