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Sport-Stammtisch (vom 1. September)

Geld. Der eine hat’s, der andere will’s, ich schreibe drüber. Ausgangspunkt, natürlich, ein gewisser Javier Martinez. Das ist der Mann, dessen Name auch unter Fußballkennern kein Begriff war, der nun aber in aller Munde ist, weil Bayern München für ihn 40 Millionen Euro hinblätterte. Bundesliga-Rekord. Was nicht weiter bemerkenswert wäre, denn der deutsche Transfer-Rekord liegt international gerade mal auf Platz 23, weit hinter Ronaldos Weltrekord (94 Millionen, Zahlen laut transfermarkt.de). In das Licht des hellen Wahnsinns rückt der Transfer aber durch das fast schon treuherzige Bekenntnis von Uli Hoeneß, dass der reale Marktwert von Martinez nur gut die Hälfte der geforderten und bezahlten 40 Millionen sei.
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Nichts gegen Martinez: Ich gebe zu, mich nicht an ihn zu erinnern. Er spielte ja auch bisher »nur« in Bilbao eine beziehungsweise in der Nationalmannschaft kaum eine Rolle. Er könnte aber, falls die Vorab-Charakterisierungen stimmen, von Statur und Position her der zweitwichtigste denkbare Transfer für die Bayern werden (der wichtigste wäre ein solcher Spieler eine Reihe weiter hinten). Aber mal locker 40 statt maximal 25 Millionen zahlen, nur weil man’s hat und will – seltsam, seltsam.
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Da bleibt anderen Sportlern nur das große Staunen. Und der nackte Neid. »Dafür ist es umso erstaunlicher, dass Deutschland in London Goldmedaillen gewonnen hat, die einen Athleten später nicht ernähren«, meint Katarina Witt im Spiegel-Interview: »Im Fußball wird sehr viel mehr Geld verdient, und wir sind trotzdem nicht Weltmeister.« Was man allerdings auch andersrum sehen könnte: In Sportarten, die einen Athleten nicht ernähren, ist die Konkurrenz kleiner und die Titelchance daher größer als im Fußball.
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Der Geher Andre Höhne beklagt im FR-Interview die »Missachtung, die sein Sport erfährt«. Und so sieht in Deutschland Missachtung in dieser Disziplin aus, in der zwar manchmal gelaufen wird, die aber nicht gerade überlaufen ist: Höhne »hat zuletzt den Lebensunterhalt für sich, Frau und Sohn in der Sportfördergruppe der Bundeswehr verdient« (FR) und fürchtet, dass dies nach dem Karriere-Ende nicht mehr der Fall sein wird. So was aber auch!
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Ähnlich klagen Behindertensportler wie Ilke Wyludda und Wojtek Czyz, die im Vorfeld der Paralympics Prämien-Gleichstellung mit den Olympioniken forderten. Solche Töne hört man jedoch nicht aus dem Lager der Seniorenleichtathletik oder von den Retrorunnern, die soeben ihre WM hatten und auf jegliche staatliche Prämienforderung verzichteten.
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Fast schon Blasphemie, oder? Zumindest Diskriminierung, dieser Vergleich mit Altsportlern und Rückwärtslaufern? Nein, denn in diesen Bereichen ist die Konkurrenz – zum Glück! – nicht kleiner als in einer speziellen Schadensgruppe bei den Paralympics, und die Leistungen sind ebenso phänomenal (100-m-Rückwärtssieger Roland Wegner lief 15,32 Sekunden!). Und überhaupt: Behinderte sind nicht die besseren Menschen. Sie sind wie du und ich. Es dient nicht der Integration, wenn man sie dennoch auf einen paralympischen Sockel stellt. Wer solch ein bombastisches Behinderten-Olympia mit Hymnen, Ein- und Ausmärschen, eben mit allem olympischen Drum und Dran zelebriert, erreicht – trotz oder gerade wegen der Medien-Pflichtübungen – womöglich das Gegenteil des Erstrebten. Wäre nicht eine Nummer kleiner manchmal eine Nummer besser? Täuschen sich die behinderten Sportler bei den Paralympics, wenn sie die große Medienaufmerksamkeit als Erfolg für ihre Sache werten? Könnte es sogar sein, dass in weniger angestrengter Beachtung mehr unverkrampfte Achtung stecken könnte?
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Dennoch zuckte ich zusammen, als ich die FAZ-Schlagzeile zum Paralympics-Start las: »Deutsche Betroffenheitsposse«. Ein bisschen hart, liebe Kollegen! Doch beim zweiten Hingucken erkannte ich meinen Freudschen Verleser: Es hieß nicht »Betroffenheitsposse«, sondern »Betroffenheitspose«. Auch nicht schlecht.
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Huch, schon naht der Rand der Kolumne, und ich habe noch lange nicht fertig. Muss aber. Also: Nachsatz zu Armstrong raus (USADA-Bluff), BVB raus (neiin, nicht aus der Champions League! Freut euch über das Superlos! Real! City! Ajax! Die werden euch kennenlernen!), auch weitere Paralympics-Thematik raus (Wyluddas sportliches Vorleben, Doping, spezielle Problematik des Medaillenspiegels usw.). Zu seltsamer Letzt nur noch ein Zitat aus dem »Hohlspiegel«, in dem der Spiegel dumme bis witzige Fehler aufspießt. Wie diesen hier aus der FAZ: »In der ersten Runde des deutschen Fußballpokals sind mehrere Vereine aus der Bundesliga ausgeschieden.« Hää?! Ich lese den Satz einmal, zweimal …  ist doch völlig korrekt, oder? Was soll daran falsch oder blöde sein? … dreimal, stutze … ach sooo!  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle