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Nachdruck: Armstrong – oder warum die Erde doch keine Scheibe ist (Anstoß vom 30. August)

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Ein Thema spielte kurz nach der Jahrtausendwende eine große Rolle: das Duell Ullrich – Armstrong. Dabei wurde, was heute gerne vergessen wird, Armstrong – als Krebs-»Besieger« gleichsam automatisch des Dopings unverdächtig – zunächst oft als leuchtendes sportliches Vorbild beschrieben im Vergleich zum dicken, faulen Ullrich. Nicht bei uns …
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Die Tour de France wird schon im März und April vorentschieden. In diesen wichtigen Aufbaumonaten werden die Profis besonders penibel kontrolliert. Dass Armstrong den März und April fern von allen europäischen Behelligungen tief in Texas verbringt und dies schon im Dezember mit den menschlich schwer zu kritisierenden, aber glaubwürdigkeitsproblematischen Worten begründet, »lieber verliere ich die Tour, als meine Kinder nicht zu sehen«, das ist . . . nur im Land der bekanntlich auch in Sachen Doping unbegrenzten Möglichkeiten möglich. (…) Man erinnere sich nur an seinen alten Spezi und Leistungs-Optimierer Michele Ferrari. Der des systematischen Dopings angeklagte Sportarzt aus Italien, der die Epo-Einnahme schon mal mit dem Trinken von Orangensaft verglich, hat diesen aparten sportlichen Grundsatz: »Für Profis muss alles okay sein, was nicht nachgewiesen werden kann.« Und Ferrari ist, wie Armstrong heute noch beteuert, ein ehrenwerter Mann. Armstrong natürlich auch. (22. 4. 2004)
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Natürlich sind Armstrong und seine Helfer sauber, das T-Mobile-Team sowieso, außerdem beweist jeder neue Dopingfall, dass die Aufklärungsrate steigt, der Sport also sauberer wird. Und die Erde ist eine Scheibe. (22. 9. 2004)
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Wie vielen unangemeldeten Trainingskontrollen hat sich Armstrong in den USA unterzogen? Wir wären sehr verwundert, wenn es auch nur eine gewesen wäre. Was passiert eigentlich, wenn Armstrong positiv getestet oder seine Vergangenheit dopingrelevant aufgeklärt wird? Werden ihm alle Toursiege aberkannt? Wäre Ullrich Rekord-Champion? Müßige Gedanken, da niemand  Armstrong im Frühjahr in seinem texanischen Rückzugsgebiet mit unangemeldeten Dopingtests belästigt. (19. 7. 2004)
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Nackte Fakten zu den Dopingtests: Zuständig für Armstrong ist die US-Anti-Doping-Agentur USADA, für Ullrich die deutsche NADA, für beide der Rad-Weltverband UCI. Fakt ist aber auch, dass die NADA im ersten Halbjahr 2004 fast 2000 Trainingskontrollen durchführte, die USADA im ersten Quartal so gut wie keine. Und ob die UCI seriös testet, ob sie, munkel, munkel, positive Dopingtests immer veröffentlicht habe, bleibt eine Frage, und nur eine Antwort ist juristisch haltbar: Theoretisch herrschen für Armstrong und Ullrich gleiche Bedingungen. Vielleicht 2005 auch praktisch, da die USADA nach der Balco-Affäre auf Druck der Bush-Regierung auf den harten NADA-Kurs eingeschwenkt ist. (8.9.2004)
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Selbst treueste »Unser Jan«-Fans wissen, dass Armstrongs Überlegenheit nicht alles entscheidend auf Doping beruhte, sondern vor allem auf außergewöhnlichem Ehrgeiz, härtestem Ganzjahrestraining, kluger Strategie, vernichtendem Kampfgeist und einem manischen Siegeswillen. (…) Wenn es EPO, Wachstumshormone und überhaupt alle unphysiologisch die Leistung steigernden Mittel nicht gäbe, wer hätte die Tour öfter gewonnen, Ullrich oder Armstrong? Vorsicht vor vorschneller Antwort! Wahrscheinlich hätte Armstrong weniger deutlich gewonnen, vielleicht Ullrich ein, zwei Mal mehr. Also: Es hätte phantastische echte Duelle gegeben. (27. 8. 2005)
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Armstrong (»Ich habe den Krebs besiegt«) hatte (…) ein Image aufgebaut, das ihn über den Sport und den Krebs in hohe politische Ämter führen sollte (und soll?). Aber: »Den Krebs besiegt« – das ist ein schiefes Bild, ein schlimmes dazu, ja, ein mitleidloses, ein bösartiges: Als wären die Opfer dieser Krankheit Verlierer, die sich nur ein bisschen mehr hätten anstrengen müssen. Armstrong sagte auch, und dass sich niemand daran störte, war und ist ein Skandal: »Verlieren ist wie sterben.« In diesem bösen Satz steckte auch eine finstere Logik: Wem Verlieren vorkommt wie sterben, der kämpft gegen das Verlieren mit den gleichen Mitteln wie gegen den drohenden Krebs-Tod, mit unbändigem Willen, besten Ärzten – und allem, was die Chemie zu bieten hat. (15. 7. 2010).
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Wie man sieht, einiges aus diesem »Nachdruck« ist zwar von gestern, hilft aber heute, manches besser zu verstehen (z.B. der USADA-Wandel). Und auch die Frage vom 19. 7. 2004 wird erst jetzt aktuell. Aber: Trotz aller Kritik, nicht verwehrt wurde Armstrong von uns der sportliche Respekt. Und der bleibt.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle