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Montagsthemen (vom 27. August)

Vor 50 Jahren wurde die Bundesliga geboren, vor 100 Jahren Honecker und Tarzan. Viele Gedenktage sind zu würdigen. Fangen wir an: 40 Jahre München ’72, das Olympia-Massaker. Die richtigen Vorsichtsmaßnahmen hätten die Katastrophe verhindert, heißt es jetzt. Wobei wieder einmal der allgemein menschliche und speziell mediale Mechanismus greift, im Nachhinein Maßnahmen zu fordern, gegen die man vorher angewutbürgert und -leitartikelt hätte. Denn: Man stelle sich bloß vor, wie Deutschland 1972 reagiert hätte, wenn ein »repressiver« Staat uns die »heiteren« Spiele mit starker Überwachungspräsenz vermiest hätte.
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Angenehmeres Thema: Start in die 50. Bundesligasaison. Zur Wiedervorlage nach dem letzten Spieltag: BVB und Bayern holpern zwar noch, deuten aber an, dass beide so gut wie in der 49. Saison sein werden, vielleicht sogar einen Tick besser. Was allerdings für die Münchner keine allzu erfreuliche Perspektive darstellt. Frankfurt präsentiert sich besser als befürchtet, steigt also nicht ab, der HSV noch schlechter, wird die Saison kaum schadlos überstehen, sein Trainer sowieso nicht. Leverkusen bleibt wie gewohnt hinter den Erwartungen zurück, dort haben sie halt Rudi Völler, das Bayer-Werk und keine Spielidee, was durchaus zusammenhängen könnte.
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Einer der Unterschiede zu den Anfängen: Torjubel. Damals hüpfte Gerd Müller in die Luft und strampelte glücklich mit seinen dicken Beinchen. Danach wurde aus reiner, uninszenierter Freude eine aufgesetzte Schau von der »Säge« bis zum Finger auf der Lippe. Doch nun, in Saison 50, sehen wir wieder reine, unverstellte Freude: Bei Düsseldorfs Dani Schahin bricht sich das Glück unkontrolliert und unkoordiniert Bahn, er springt und tanzt in vollkommener Glückseligkeit, selbstvergessen und ohne Choreographie. Schön.
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Nicht schön: Wie die Nachher-Medienwelt, die vorher Armstrong gefeiert hatte, ihn nun hämisch-genussvoll niedermacht. Erst war er der Mann, der »den Krebs besiegt« hat, daher ganz gewiss nicht dopen würde und an dem sich »dickes Ulle« ein Beispiel nehmen sollte. In Wahrheit wussten aber auch die Legenden-Bekränzer schon in der Radhelden-Hochzeit, was bei allen Spitzenfahrern Sache war, aber es kümmerte sie ebenso wenig wie die Profis selbst. Dass die Krebsbesieger-Nichtdoper-Legende logisch falsch und menschlich mies war, kommt dazu und war schon zu oft mein Thema, um es noch einmal aufzudröseln. In welch unterschiedlichen Welten die Sportler leben und jene, die über sie berichten, erkennt man an den ehrenhaften und sportlich fairen Reaktionen von Indurain bis Ullrich.
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Apropos Rad: Zur verblüffenden Ausdauerleistung des Hungeners Carsten Butteron, ein Thema im »Sport-Stammtisch« vom Samstag, gibt es in der »Mailbox« von »Sport, Gott & die Welt«, dem Online-Begleitblog zu unserer Kolumne, weitere Informationen, auch vom Radler persönlich. Hier nur so viel: Zur schnelleren Regeneration trank er Rote-Bete-Saft, und er fuhr seinen Schnitt von über 26 km/h nicht im Windschatten des Begleitfahrzeugs.
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Ob Tarzan im Dschungel Rote-Bete-Saft getrunken hat? Wohl kaum, dort gab’s nur rohes Fleisch und für Veganer Lianen-Tatar. Erich Honecker dagegen erlegte im Schorfheide-Dschungel viel mehr Tiere, als er essen konnte, und roh schon mal gar nicht, dazu trank er Roten-Cognac-Saft. Rechtzeitig zu beider hundertstem Geburtstag veröffentlicht nun ein Populärwissenschaftler, im Nebenberuf Sportkolumnist einer mittelhessischen Tageszeitung, seine neuesten Forschungsergebnisse: Wie jeder weiß bzw. zu wissen glaubt, ist Tarzan ein geborener Lord Greystoke. Die Äffin Kala hat ihn in der Wiege mit ihrem toten Baby vertauscht und im Dschungel aufgezogen. Nun aber muss die Geschichte neu geschrieben werden, denn Kala mochte Greystoke nicht leiden, schwang sich mit ihm in eine saarländische Bergarbeiter-Kate, sah dort in der Wiege den wunderbaren kleinen Erich liegen und vertauschte ihn mit dem verkniffenen, humorlosen und schwächlichen kleinen englischen Greystoke, der später seinem Namen (grey = grau / stoke = anheizen) als Anheizer des grauen Kommunismus alle Unehre machte. Erich aber lebt, denn Tarzan ist unsterblich. Dass die »Shades of grey«, die Schatten des grauen Kommunismus, heute sadomasochistisch uminterpretiert werden, das ist nun wirklich ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle