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Sport-Stammtisch (vom 25. August)

Glückliche Fußball-Bundesliga: Das Geld und die Zuschauer strömen, und Doping, was ist das? Armer Radsport: Wer hört schon hin, wenn von dort gezischt wird: Fragt mal bei Fuentes, Real, Barca nach!
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Bleiben wir beim Unglückssport: Wäre es  gerecht, wenn Jan Ullrich zum vierfachen Toursieger erklärt würde? Ja. Aber nur, wenn man ausgleichende Ungerechtigkeit als sportlichen Maßstab nimmt. Warum und wieso, das habe ich schon zu oft dargelegt. Die alten Schlachten schlage ich nicht mehr.
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»Nach vorne blickend werde ich mich um die Erziehung meiner fünf wunderbaren (und energetischen) Kinder und dem Kampf gegen Krebs widmen und versuchen, der fitteste 40-Jährige auf dem Planeten zu sein.« Alleine dafür verdient Armstrong das, was auf ihn zukommt. Gegen den Krebs kämpfen und um fünf! wunderbare! energetische! Kinder! kümmern, welcher gefühlsrohe Bösewicht könnte da noch anstänkern gegen den fittesten 40-Jährigen auf dem Planeten und 40-jährigsten Fitten im Universum?
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Während die alte Diskussion um Armstrong neu beginnt, tritt Matthias Steiner eine neue los, die aber auch schon sehr alt, nicht nur im Sport eine liebe Gewohnheit und in einem Satz zu fassen ist: Böse, das sind immer die anderen. Der superstarke Gewichtheber kritisiert laxe, unerhebliche (weil nicht in der Aufbauphase) oder sogar nicht existente Dopingkontrollen in Ländern, aus denen seine Hauptkonkurrenten kommen. Ähnliches hört man von Robert Harting und anderen Leichtathleten. Natürlich haben sie (auch) recht, aber sie sollten dennoch Vorsicht walten lassen, denn mit ein bisschen Logik kommt man ins Grübeln.
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Grübeln wir mal: Steiner wurde in Peking Olympiasieger in der neben dem Radsport am stärksten dopingverdächtigen Sportart überhaupt. London-Dominator Hartings Diskuswerfen steht zusammen mit den anderen Wurfdisziplinen in diesem Verdachts-Ranking nur knapp dahinter, und ausgerechnet hier hatten »wir« in London unsere größten olympischen Erfolge (Storl, Heidler, Obergföll, Stahl). Was bedeutet das? Ist Steiner, sind »unsere« Werfer derart weltweit außergewöhnlich talentiert, dass sie den Doping-Wettbewerbsvorteil der anderen mehr als wettmachen? Um das zu glauben, benötigt man schon sehr großmannsdeutsche Überheblichkeit. Oder dopen unsere auch? Oder bringt Doping im Heben und Werfen gar nichts? Was also?
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Matthias Steiner »versucht derzeit bei diversen TV-Auftritten seinen Schock von London zu verarbeiten« (dpa), womit die Deutsche Presse-Agentur eine interessante neue Trauma-Therapievariante entdeckt hat. Wenn ich schon mal beim Nestbeschmutzen bin: Liebe Foto-Betexter unter den Medien-Kollegen, unter ein Bild jubelnder Sieger zu schreiben: »So sehen Sieger aus!«, das treibt mittlerweile nicht nur mir Pickel auf die Nase (weiß ich, ohne in den Spiegel zu gucken, weil ich mir immer an die selbige greife).
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In Sachen »Rammstein« (»Sport-Stammtisch« vom Donnerstag) gab es bemerkenswerte Leser-Reaktionen, zwei davon stehen im Blog »Sport, Gott & die Welt« in der »Mailbox«. Ich habe ja nun wohl als einer der letzten überhaupt diese Band »entdeckt«, die fast schon rollingstonesalt ist. Einer ihrer auf mich unangenehmer wirkenden Songs heißt »Pussy«, und da ich ihn erst jetzt zum ersten Mal gehört habe, dachte ich dabei auch an eine der erfolgreichsten PR-Aktionen der neueren Popgeschichte … ach was, ich verbrenn mir doch hier nicht die Finger an den Tasten.
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Apropos PR-Aktion. Da hat die Poker-Lobby mit Werbeloks wie Boris Becker ihr Kartenbluffspiel als echte »Sportart«, bei der nicht das Glück, sondern der Beste, Cleverste, Coolste gewinnt, sogar im Sportfernsehen etabliert und via Internet einen Milliardencoup gelandet, und schon kommt das Finanzamt und will von den »Profisportlern« Millionen an Steuerschulden eintreiben. Folgerichtig, denn nur Gewinne aus Glücksspielen sind steuerfrei. Ein Pokerprofi, der Millionen gewonnen hat, führt nun einen Musterprozess »Glück statt Können« gegen den Staat. Gewinnt er mit den Luschen, die ihm die Poker-Lobby in die Hand gedrückt hat, wäre das ein größerer »Clou« als der von Paul Newman und Robert Redford. 1973 im gleichnamigen Sieben-Oscars-Film.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle