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Sport-Stammtisch (vom 23. August)

Diese Kolumne versucht stets, ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Leider wurde von mir bisher die naturwissenschaftliche Seite des Bildungskanons sträflich vernachlässigt. Dies ändert sich heute, denn ich werde erklären (lassen), wie das Salz ins Meer kommt. Später.
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Zunächst aber muss die angenehme Pflicht erfüllt werden, (m)einen blöden Abschreibfehler (»im Sandkasten Sandkasten backe«) in der »Ohne weitere Worte«-Kolumne vom Dienstag zu korrigieren. Angenehm, weil der Satz von Ildikò von Kürthy so hübsch ist, dass der Anlass, ihn zu wiederholen, nur zu gerne genutzt wird: »Wenn ich diese Mädchen sehe, die so ausdauernd im Sandkasten sitzen und Sandkuchen backen. Und mein Sohn wälzt sich daneben im größten Hundekothaufen und schreit: ›Meine Faust hungert nach Gerechtigkeit.‹ Der ist fünf. Da denkt man doch: Vorsicht beim Absetzen der Pille.«
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Einfach zu schön. Wie auch ein anderes »OWW«-Zitat, ebenfalls aus einem SZ-Interview, das unserem Leser M. M. Schaefer besonders gut gefallen hat: »›…wenn dieser oder jener Käs eintritt.‹ – Käs? – ›Case. Worst case, best case und so weiter.‹ – Ach so.« – Wunderbar. Dazu fällt mir folgendes ein: ›Coffee to go zum mitnehmen‹. Werbung an einem Verkaufsstand.« – Ja, auch sehr hübsch.
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Wilfried Schwalb aus Burkhardsfelden, Ex-Basketballer und »passionierter Hobbyradfahrer« zweifelt an der Meldung »im Sportteil, dass Herr Butteron aus Hungen in ca. 36,6 Stunden non stop die ca. 845 km von Hungen nach München und zurück mit dem Rad gefahren sein soll. Ein Schnitt von 23,5 km/h – das ist nicht möglich«, glaubt Wilfried Schwalb: »Mich würde mal die Meinung eines ebenfalls radelnden Journalisten interessieren, der sich auch im Bereich von 25 bis 30 km/h fortbewegt.« – Danke für die Blumen (30 km/h!). Auch ich kann mir diese Leistung nicht vorstellen, ich käme bei 23,5 km/h unter Bestbedingungen maximal bis Frankfurt, habe aber bei einer kleinen Umfrage erfahren, dass professionellere Freizeitradler als ich es durchaus für möglich halten. Also: Respekt, Carsten Butteron! Diese Leistung hat ein Alleinstellungsmerkmal!
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Alleinstellungsmerkmal? Das Wort steht bei Gerhard Merz, dem familienpolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, auf seiner »Liste der hässlichen Wörter«. Die war ein Thema im »Rück-Blog« vom 17. August, mit der Anmerkung, Merz sei »zumindest früher ein aufmerksamer Leser meiner Kolumnen (und heute?)« gewesen. – Antwort: »Ja, natürlich lese ich den ›Anstoß‹ in all seinen Varianten immer noch regelmäßig – manchmal sogar vor dem ›Streiflicht‹ – und finde es immer noch anregend und manchmal auch aufregend. Es müsste Ihnen auch das eine oder andere Mal in den Ohren geklungen haben, wenn ich bei Gelegenheit das Loblied Ihrer Kolumne gesungen habe. Das tue ich trotz gelegentlicher bzw. anhaltender Differenzen. Letzteres gilt beispielsweise im Hinblick auf ihren ständigen und wie ich finde langsam abgenutzten, weil keinen realen Gegner mehr habenden Feldzug gegen die sog. ›Gutmenschen‹ – wie wär’s mal mit einem Feldzug gegen die ›Bösmenschen‹, derer es gewiss mehr gibt als früher ›Gutmenschen‹, denn die sind mittlerweile und Gottseidank ja weitgehend ausgestorben. Was Sie sportpolitisch zu sagen haben, finde ich nach wie vor fast durchgängig richtig, z. B. auch wieder die Aussage zu dem ewigen Gejammer um die Sportförderung. Und natürlich über O. Kahn und KHM …«
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»Feldzug gegen Gutmenschen« – da trifft Gerhard Merz eine sensible Stelle, vergleichbar vielleicht mit Ex-Rauchern, aus denen oft die militantesten Nichtraucher werden. Etwas mehr dazu steht im Blog »Sport, Gott & die Welt« (um Sie mal wieder auf die Online-Begleitung der Kolumne neugierig zu machen). Und trotzdem juckt es mich schon wieder gleich aus doppeltem Anlass: Trauriges Jubiläum von Rostock-Lichtenhagen dort, hier die Einstellung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in der Freiburger Dopingaffäre. Da fordern gute Menschen mit viel gutem Willen ein staatliches Verbot von NPD bzw. Doping, wobei der Wunsch der Vater des Gedankens ist, was aber die NPD stärkt und dem Sport schadet, wenn die Rechtssprechung nicht auf Wunschträume reagiert, sondern nach Faktenlage entscheidet.
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Rammstein. Ganz anderes Thema? Mhmm. Die Band gibt es schon seit über 15 Jahren, sie wird so gut wie nie im Radio gespielt, hat aber eine weltweit riesige Fangemeinde. Mein Vorurteil: »Doitsche« Krachmacher, neonazinah, dazu der Name!, und überhaupt: Der Rammstein-Sänger singt so, wie kleine Jungs sprechen, wenn sie gaaaanz böse klingen wollen. Ärgerlich und albern obendrein. Doch dann, wegen eines Tourneeberichts (im SZ-Magazin) neugierig geworden, kaufe ich mir Rammsteins Hit-Sammlung »Made in Germany« – und stelle überrascht fest, dass »neonazinah« ein dummes Vorurteil war (über »Krach« kann man natürlich streiten).
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Und damit zum Sport und zum Bildungsauftrag. Rammstein gehört zur beliebtesten Wettkampf-Aufputschmusik deutscher Sportler, zum Beispiel auch von David Storl und Paul Biedermann. Bei Storl hat’s gewirkt. Wahrscheinlich hört er Songs wie »Da schlägt es links 2, 3 4« (übrigens ein Anti-Rechts-Lied), »Mein Herz brennt«, das hymnisch antreibende »Hier kommt die Sonne« und natürlich »Ich will«. Schwimmer Biedermann dagegen hört vermutlich das falsche Lied, obwohl es nahezuliegen scheint: »Haifisch.« Refrain: »Und der Haifisch der hat Tränen / Und die laufen vom Gesicht / Doch der Haifisch lebt im Wasser / So die Tränen sieht man nicht / In der Tiefe ist es einsam / Und so manche Zähre fließt / Und so kommt es dass das Wasser / In den Meeren salzig ist.« – Das putscht nicht auf, sondern versalzt auch den Olympia-Pool in London mit deutschen Tränen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle