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„Alles auf Anfang!“

Liebes Eintracht-Tagebuch, am vorletzten Montag hat in Hessen die Schule wieder begonnen. Als ich die vielen Erstklässler gesehen habe, mit den riesigen Schultüten und ihren erwartungsfrohen Gesichtern, hatte ich für einen Augenblick eine Art »Einschulungstag-Flashback«. Ich konnte mich plötzlich genau daran erinnern, mit welcher unbelasteten und wunderbar naiven Erwartung ich damals auf das Schulgebäude zulief, wie ich neugierig meine Mitschüler betrachtete, wie intensiv mein neuer Ranzen nach Leder roch und wie ich mich bereitwillig ganz nach vorne setzte und meine erste Klassenlehrerin anlächelte.
Mal ganz abgesehen davon, dass sich im Laufe der Jahre danach viel relativiert hat, dass ich den Großteil der Jahre mit Ekel und Brechreiz auf die diversen Schulgebäude zugelaufen bin, dass sich mein Interesse an meinen Mitschülern doch stark auf die weiblichen oder aber gut Fußball spielenden männlichen reduzierte, meine diversen Schultaschen vor allem nach Angstschweiß und zu viel Hausaufgaben rochen, und dass auf eine nette Lehrerin mindestens fünfzehn autoritäre Säcke kamen … diesem Gefühl vom allerersten Schultag trauerte ich in diesem Moment trotzdem nach. Weil mir diese Zeit so unerreichbar weit weg erschien, wie ein lange abgeschlossenes Lebenskapitel, das nie wieder kommen kann.
Was aber bei genauerer Überlegung gar nicht stimmt. Denn jetzt am Samstag werde ich mich erstmals nach langer Zeit wieder so fühlen. Wenn ich nämlich auf unser Stadion zulaufe.
Und auch wenn es nicht meine Mitschüler sind, sondern die vielen neuen Spieler, die ich neugierig betrachten werde, und auch wenn ich mich nicht ganz nach vorne sondern auf meinen Platz oben auf der Pressetribüne setzen werde, wird es sich ähnlich anfühlen. Was damit zu tun hat, dass ich beschlossen habe, meinen Eintracht-Verstand auf Null zurückzustellen, indem ich meine persönliche Reset-Taste drücke!
Ich werde ausblenden, dass das bereits mein vierter Abstieg bzw. Aufstieg mit der Eintracht war. Dass ich die letzte Saison in der 2. Liga im tiefsten Inneren gehasst habe, egal wie gut der Verein und die Mannschaft das letztendlich gelöst hat. Dass die Mannschaft am Ende der Saison noch mal ein paar grottenschlechte Kicks abgeliefert und uns beim Spiel gegen 1860 eigentlich die Wiederaufstiegsparty versaut hat. Gut, bei den Hohlköppen, die uns immer wieder in Verruf bringen, ist es schwierig mit dem Löschen, allein schon, weil nicht zuletzt wegen ihnen das Stadion nur halbvoll sein wird, und weil sie Vergangenheit vermutlich schnell durch Gegenwart ersetzen werden. Aber ansonsten lösche ich alles Unangenehme der Vergangenheit!
Ich lösche Rostock, ich lösche Skibbe und was bzw. wer uns noch so alles daumatisiert hat. Ich fange bei Null an. Das haben die neuen Spieler verdient, die mit früher nichts am Hut haben. Das haben Armin Veh und Bruno Hübner verdient, die dieser Mannschaft ein neues und vielversprechendes Gesicht verliehen haben. Genauso wie Heribert Bruchhagen, der sie hat machen lassen.
Vor allem aber haben wir das verdient, die wir nicht nur einfach immer Fans, sondern oftmals auch gegeißelte Opfer des sadistischen Fußballteufels waren, der sich immer wieder einen Spaß daraus gemacht hat, uns mit extremen Achterbahnfahrten und unglaublich vielen Vollidioten in der Führungsetage zu quälen und zu peinigen.
Sicher fragst Du dich jetzt, ob ich denn das Erstrunden-Aus im Pokal in Aue nicht mitbekommen habe, und ob das meine Vorfreude nicht beeinträchtigt. Klar hab ich das gesehen. Und es hat mich wahnsinnig geärgert, da konnte mich auch das Ausscheiden der vielen anderen renommierten Vereine nicht trösten. Aber andererseits … wenn ich im Urlaub endlich in das Hotel komme, auf das ich mich seit Wochen gefreut habe und das Foyer ist hässlich, habe ich immer noch den Glauben, dass mein Zimmer und der Pool trotzdem schön sind, und dass das tolle Ferien werden!
Nein liebes Eintracht-Tagebuch, dazu habe ich zu lange auf Samstag gewartet! Und deswegen gehe ich da ins Stadion. Mit meiner großen rotschwarzen Schultüte im Arm und einer riesigen, naiven Erwartung an die neue Saison …! In diesem Sinne!
 Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle