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Montagsthemen (vom 20. August)

Sic transith gloria mundi. dpa-Meldung vom Samstag: »Carlo Tränhardt kehrte 23 Jahre nach seinem letzten Auftritt in Eberstadt auf die Anlage zurück. Er verbesserte die Senioren-Weltbestleistung für 55-Jährige von Thomas Zacharias (Mainz/1,84 Meter) auf 1,87 Meter.«
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Doppelfehler. Welcher? Später. Nun zu weiteren Höhepunkten des Sportwochenendes … huch, es gab keine? Zwischen Olympia und Bundesliga lauert tiieef im kurzen Sommerloch nur der DFB-Pokal. Wir lassen ihn dort liegen (sorry, OFC. Klasse gemacht!).
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Groß diskutiert wird aber  noch der nette Zufalls-Kick mit Messi, wobei die fröhlichen Frankfurter Zuschauer den Ehrenpreis für gelassen-vergnügte Freude an amüsanten fußballerischen Nichtigkeiten verdienten. Losgetreten hat Oliver Kahn die Diskussion, offenbar bemüht, neben KMH nicht weiterhin nur Kreide zu fressen, sondern auch mal Schlagzeilen wie sein Freund Scholli mit dem wundgelegenen Mario Gomez zu produzieren. Also lederte er los, und immer noch ist die Aufregung groß.
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Um im Sommerloch nicht noch tiefer zu graben (sonst kommen wir down under raus, und dort wär’s dann im Seichten geschürft), nur eine Randbemerkung: Ob Argentinien, Italien, Test- oder EM-Spiele – dass die Abwehr immer gerne bereit ist zu wackeln, ist keine Analyse, sondern simple Anmerkung des Offensichtlichen. Fehlt nur der Zusatz: Wie auch bei den Bayern, und so gewinnt man nun mal keine Titel, weder im Klub noch in der Nationalelf.
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Ein anderes Thema hat Robert Harting losgetreten (und schon rollt der Satz in unseren Subjekt-Objekt-Verschiebebahnhof). Also: Harting hat (und wurde nicht) losgetreten, dass deutsche Olympiasieger zu wenig Geld bekommen. In der FAS wird er mit dem aparten Zynismus zitiert, er erhalte zwar 155 000 Euro Prämie, aber zu den 15 000 von der Sporthilfe addierte er die 140 000 Euro, die griechische Olympiasieger vom Staat bekommen, »die am Ende wir bezahlen«. Tags zuvor schrieb die FAZ kritisch bedauernd: »Olympiasieger von London machen sich keine Illusionen. Wer nicht aus großen Sportarten kommt, wer keine Fernsehpräsenz und kein blendendes Aussehen zu bieten hat, geht bei der Vermarktung seines Erfolges leer aus.«
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Ach was?! Ach, was sage ich dazu? Zu einem der ältesten meiner vielen alten Themen die allererste Version in geraffter Form: »Viele Menschen sind gerne bereit, die Darbietungen der bewunderten, vielfach sogar förmlich vergötterten Spitzenkönner ihres Metiers zu honorieren – seien es Musiker, Maler, Dichter, Artisten oder ›Sportisten‹. Da sich hierbei die Nachfrage des Publikums nicht auf alle Gebiete gleichmäßig verteilt, ist es selbstverständlich, dass z. B. ein Spitzentenor Spitzengagen erhält, selbst der genialste Alphornbläser aber kaum Millionen scheffeln kann. Auf den Sport übertragen: Die Nachfrage nach einem Franz Beckenbauer ist nun einmal größer als die nach einem Gewichtheber, Kanuten oder Volleyballspieler. Niemand wird zum Leistungssport gezwungen, und niemand darf Bezahlung erwarten, wenn keine Nachfrage für seine Leistung vorhanden ist. Der Erfolg kann süß sein, Misserfolg sehr bitter. Chancen und Gefahren spornen aber auch zu großen Leistungen an, die Sporthilfe-Rentnermentalität und andere Merkmale des betulichen Amateursystems bisher noch verhindern.« – Das »betuliche Amateursystem« verrät: Das sind Sätze aus grauer gw-Vorzeit (1976). Aber sind sie heute wirklich überholt? Wer Großbritannien als strahlendes Goldbeispiel anführt, den warne ich nicht dreimal wie weiland ein Bundeskanzler (Kiesinger: »China, China, China!«), sondern nur einmal: Griechenland!
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Langsam steuern wir den Doppelfehler an: Mit dem Rad unterwegs, von Frankfurt den Main entlang zum Rhein und weiter. Plötzlich ist der Radweg gesperrt. Ein Schild: »Lebensgefahr«, wenn man über Wasserschläuche führe, die dann platzen könnten. Hää? Erst langsam dämmert’s: Wir sind in Oestrich-Winkel. Der Chemieunfall. Der Gastank wird mit Rheinwasser gekühlt. Die dicken Wasserschläuche stehen so stark unter Druck, dass sie beim Überfahren explosionsartig platzen könnten. Nicht Hää?, sondern Ha! Der Journalist immer im Brennpunkt des Weltgeschehens!
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Auf der Fahrt an Geisenheim vorbei gekommen. Dort in noch grauerer Vorzeit bei einem Sportfest eine Flasche Wein gewonnen. Carlo Thränhardt wurde jetzt bei seinem Seniorenrekord in Wein aufgewogen. Sein Altherrenrekord-Vorgänger Zacharias hatte als erster Über-50-Jähriger sogar zwei Meter übersprungen. Der ehemalige deutsche Rekordler, Sohn des Geigers Helmut Zacharias, war nicht nur dieser Leistung wegen ein Hochsprung-Dinosaurier, denn er sprang im Straddle, für Hochsprung-Puristen immer noch der einzige würdige Stil, eine Latte zu überqueren.
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»Hoch Zacharias« war gestern (bzw. letzte Woche), »Hoch Achim« ist heute, Carlo Thränhardt ist offenbar von vorvorgestern, denn dpa schreibt ihn »Tränhardt«, zum Ausgleich hängte ich das fehlende »h« im bildungsambitionierten (Brecht nannte es »hochgestapelte Mittelmäßigkeit«) lateinischen Zitat an. Transith statt transit ist transirr, richtig in jedem Fall: So vergeht der Ruhm der Welt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle