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Sport-Stammtisch (vom 18. August)

Ganz toll, was uns schon vor dem Saisonauftakt an Superevents geboten wird. Bayern gewinnt den Supidupicup gegen Dortmund, die Eintracht tanzt den 4:2-Flamenco gegen Valencia, Deutschland und Argentinien schenken uns ein grandioses Fußballspiel der besonderen Art, ein bisschen wie aus dem Tollhaus, und dazu die vielen megageilen Testspiele der Bundesligisten – das alles muss an dieser Stelle mal gebührend gewürdigt werden: Pffffffffft.
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Was bleibt, wenn man die heiße Medienluft rauslässt? Nichts? Nein, so ist es auch wieder nicht. Diese Spielchen haben durchaus ihren Sinn (mit Ausnahme des ebenso nichtssagenden wie kurzweiligen Länderspiels), für Spieler und Trainer bleiben sie unverzichtbar, ähnlich wie ins Vorbereitungstraining eingestreute wettkampfähnliche Übungen der Olympioniken in den langen Wochen vor London. Für Außenstehende aber hat beides keine Aussagekraft und für Insider nur, wenn sie Trainingsplanung und -zustand kennen, also bei den täglichen Einheiten intensiv beobachtend anwesend waren.
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Um im Bild zu bleiben: Auch die erste Runde des DFB-Pokals steht an diesem Wochenende für Erstligisten primär unter dem Zeichen der Saisonvorbereitung: Abschlusstraining unter Wettkampfbedingungen. Verschärften allerdings, da Blamagegefahr.
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Und dann geht’s los. Wer wird Meister? Paul Breitner: »Wir werden zeigen, dass wir die Stärkeren, die Besseren sind«, tönt er in Richtung Dortmund, gleichzeitig den BVB kritisierend, dass von dort keine Meister-Ansage kommt, was »lächerlich«, »kindisch« und überhaupt unbegreifbar sei. Womit Breitner sich im Gewirr chronischer Münchner Großkotzigkeit bei gleichzeitigem akutem Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem BVB logisch verheddert. Denn wer tief innerlich überzeugt ist, der Beste zu sein, würde es als lächerlich, kindisch und unbegreifbar empfinden, wenn ein anderer das gleiche in die Welt hinaus tönt.
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Was vergessen? Ach ja, das Olympia-Fazit. Hier kommt es: Was bleibt? Es hat Spaß gemacht, die Zuschauer waren gut drauf, unsere Sportler weniger, es gab ein bisschen viel Doping-Ärger und eine Riesenfete zum Abschluss. Ein Funsport-Megaevent. Die Spiele sind an uns vorbeigerauscht wie ein gigantischer Videoclip. Zum Schluss war’s auch . . . genug. Nur wenige der Olympiasieger bleiben im Gedächtnis. Der olympische Gigantismus hat Goldmedaillen im Dutzend billiger verramscht, Wettkampf auf Wettkampf in die olympischen Tage gestopft und sportliche Leistungen abgewertet, indem er sie scheinbar austauschbar gemacht hat. Die Sportler sind total verunsichert, da keine Chancengleichheit mehr besteht. Die Zuschauer wissen dies mittlerweile auch und beargwöhnen jede positiv oder negativ aus dem Rahmen fallende Leistung. Festzuhalten bleibt aber trotz aller Unzulänglichkeiten und Überdimensionierungen: Wir hängen an Olympia, zähneknirschend, wehmütig und erwartungsvoll zugleich.
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Das musste mal gesagt werden. Wieder mal. Und zum letzten Mal. Versprochen. Denn wortwörtlich haben wir dieses Fazit bereits nach Barcelona 1992, Atlanta 1996, Sydney 2000, Athen 2004 und Peking 2008 gezogen. Irgendwie tröstlich. So schlimm kann’s ja dann nicht sein. The Games must go on. Sie sind stärker als alle Grabgesänge.
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Mein bleibender Eindruck von London 2012: Die innere Ruhe und gelassene Freundlichkeit von Betty Heidler inmitten eines unglaublichen Wirrwarrs, der sie um den Erfolg von vier Jahre härtesten Trainings zu bringen drohte. Fast schien es, als bedauere sie die verwirrten Kampfrichter, als müsse sie diese trösten, statt selbst getröstet zu werden. Ein wenig von dieser menschlichen Größe bei ähnlichen Aufregern im Alltag wünsche ich allen.
Auch Ihnen und mir. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle