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Nach-Lese (Baseball als Rätsel und Metapher)

 Und, wie war’s? Nein, nicht der Urlaub. Wir sind hier nicht auf der Reiseseite. Die Urlaubslektüre – hat sie gehalten, was Klappentexte, Rezensionen oder Interviews versprachen?
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Zum Beispiel Daniel Kahneman, der mit Schnelles Denken, langsames Denken die Bestsellerlisten stürmte. Wer den Über-600-Seiten-Wälzer mit in die Ferien nahm, hatte schwer zu tragen und aus Platzgründen womöglich auf weiteren Lesestoff verzichtet. War ja auch zu originell und spannend, was vorab im Spiegel zu lesen war, in einem großen Kahneman-Interview, grafisch fein und liebevoll garniert, ein PR-Coup ohnegleichen, denn so wie ich kauften viele derart Angefixte das Buch, es sprang aus dem Stand an die Bestseller-Spitze.
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Geködert haben sie uns mit einem Baseball. Aber zunächst für alle, die Kahneman und sein Buch nicht kennen: Auf der Grundlage von »System 1« in unserem Hirn, so der Psychologe und Wirtschafts-Nobelpreisträger, fällen wir die meisten unserer Entscheidungen. »System 1 steht für die Intuition«, sagt er, »es erzeugt unermüdlich Absichten, Eindrücke und Gefühle. System 2 dagegen steht für Vernunft, Selbstkontrolle und Intelligenz« – und hat gegen System 1 keine Chance, denn wir bleiben nur zu gerne bei unserer ersten gefühlsmäßigen Einschätzung, statt noch einmal nachzudenken. Und da kommt der Baseball ins Spiel: »Ein Baseballschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Dollar. Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?« Schnell, schnell, nicht überlegen! System 1 antworten lassen!
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Das Ergebnis des Kahneman-Rätsels hat schon vor Wochen in unserer Sport-Kolumne Anstoß für Aufsehen und Verwirrung gesorgt und dürfte den Lese-Appetit auf Schnelles Denken, langsames Denken erst so richtig geweckt haben. Wie selbsttäuschend ist unser Denken? Wie trügerisch die Erinnerung? Wie kommt es zu unseren vor-schnellen Vor-Urteilen? In der Hoffnung auf ähnlich verblüffende und eingängige Lektüre das Buch gekauft, gelesen … und gelesen … und weggelegt … und gelesen … und immer noch liegt es, mit Lesezeichen mitten im Text, auf dem Nachttisch. Jedenfalls: Ein viel mühsamerer, weniger pointierter Stoff, als das Spiegel-Interview und manch andere hymnische Lobrede (Steven Pinker: »Das Erscheinen dieses Buchs ist ein Großereignis«) erwarten ließen, zudem manchmal zäh, langatmig und, ja, sogar bisweilen langweilig. Jedenfalls für mich (Ignoranten?), der sich Kurzweiligeres versprochen hatte.
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Dies ist keine Kritik an dem Buch, das seine (anderen) Leser verdient hat, sondern wieder einmal ein Beispiel, wie sehr Vor-Schreiben (Interview, Rezension, Klappentext usw.) die Nach-Lese beeinflusst. Ohne das Spiegel-Interview hätte Kahneman keinen derartigen Blockbuster gelandet, der nun in vielen Bücherschränken steht, ohne jemals komplett gelesen zu werden. Oder? Haben Sie das Buch tatsächlich mit gebanntem Vergnügen weggeschmökert? Oder ging es Ihnen wie mir?
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In den Kahneman-Pausen las ich ein weiteres in höchsten Tönen gelobtes Buch, ein Rezensionsexemplar, das ich mir vom Verlag schicken ließ, weil mich die Vor-Lese zu neugierig gemacht hatte, um auf den jetzt erst beginnenden Verkaufsstart zu warten. Chad Harbach, Jahrgang 1975 und Literatur-Redakteur aus Virginia, hat mit Die Kunst des Feldspiels »dem Traum von der Great American Novel Leben eingehaucht. Ein literarisches Wunder, ein magischer Roman über das, was uns ausmacht« (Dumont-Verlagsankündigung). Das Debütwerk »wird auf direktem Weg zum Klassiker« (San Francisco Chronicle) und ist »wunderbar zu lesen, das reinste Vergnügen« (John Irving). Jonathan Franzen stimmt zu und ein: »Debütromane von solcher Vollkommenheit und Sogkraft sind sehr, sehr selten.« Kurzinhaltsangabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: »Perfekt für lange, heiße Sommernachmittage: Junges Baseballgenie verliert den Glauben an sich selbst und findet am Ende etwas viel Größeres.«
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Und hier kommt also wieder der Baseball ins Spiel. Erinnern Sie sich an den Beginn des großen US-Romans Unterwelt, an Don De Lillos 70 Seiten lange Beschreibung eines Baseballspiels? Das ist aber gar nichts gegen Harbachs Roman, der von, mit und im Baseball lebt und über viele, viele Seiten hinweg spezielle Perspektiven und technische Feinheiten dieses uramerikanischen Mannschaftssports beschreibt.
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Klar, Baseball dient hier als Metapher, meinetwegen auch für das, was uns ausmacht, aber welcher deutsche Leser, des Baseballs nicht mächtig und an ihm nicht interessiert, könnte in all diese Hymnen einstimmen? Ja, der Roman ist großartig, mit virtuoser Meisterschaft geschrieben (vielleicht etwas zu ambitiös, zu virtuos und anspielungsreich), und auch ich fand ihn perfekt für lange, heiße Sommernachmittage – aber wäre es nicht aufrichtiger gewesen, in deutschen Feuilletons auf die Rezeptions-Problematik hinzuweisen, die ein, ja, Baseball-Fachbuch für den deutschen Roman-Leser birgt? Stattdessen jubelt die Frankfurter Allgemeine Zeitung fast im Champions-League-Stil: »Willkommen in der Topliga, Junge!«
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Mich hat Harbachs Roman zwar gefesselt, ich habe ihn in Windeseile und mit großer Lesefreude verschlungen – aber ich bin ja auch – na ja, da muss ich mal ein bisschen angeben – ein in diesem Fall (im Gegensatz zum Kahneman-Buch) überdurchschnittlich kundiger Leser, der als lebenslang Sportinteressierter Die Kunst des Feldspiels durchweg mit Genuss lesen kann, auch wenn’s oft speziell und für Nichtsportler langweilig wird. Doch für die Mehrheit der Leser ist ein einschränkender Hinweis am aufrichtigen Platz.
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Soviel für heute zum Baseball. Ach ja, die Lösung. Natürlich 10 Cent? Darauf würde ich keine fünf Pfennig setzen! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle