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Rück-Blog: Petula, Pillepalle und Popolismus

Der Blog »Sport, Gott & die Welt« begleitet und ergänzt im Internet die Zeitungs-Kolumnen von »gw«. Ab und an veröffentlichen wir hier Auszüge, zuletzt im Mai. Danach folgten EM und Olympia – und heute dazu der komprimierte Rück-Blog des Sommers. Geschrieben – was dem Autor erst bei der Zusammenstellung auffiel – meist in den frühen Sonntagmorgen-Stunden. Aha-Erlebnis: Online-Aufwärmen für den Wettkampf danach – die Arbeit am Zeitungsprodukt.
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Samstag, 2. Juni, 17.45 Uhr. Morgendliche Radrunde führt nach Wetzlar. Schon vor zehn viel los auf dem Hessentag. Überrascht, welch ein erschlagendes Programm geboten wird. Als ob alle Weihnachtsmärkte Hessens ihr Sommerfest feiern, plus vielfältigste Programme plus aufwändige Stände aller möglichen Verbände und Institutionen. Sehr beeindruckend. Nur: Bei dieser enormen Fülle des Angebots könnten einzelne Darbieter untergehen, besonders solche, die sich besonders viel vorgenommen haben, zum Beispiel im vielfältigen Sportprogramm im Stadion. Ach ja, das Stadion. Mein Stadion. Dort groß geworden. Traurig, wenn gegen vier, halb fünf von Westen her die Regenwolken kamen und das Training ausfiel. Nie verstanden, dass das bisschen Wasser vom Tollsten des Tages abhalten kann. Später dort hessischer Jugendmeister geworden, sehr viel später Bestleistung gestoßen. Die ist aber nicht hessischer Rekord, weil damals für Wattenscheid gestartet. Der hessische Rekord ist 24 Zentimeter schlechter, er steht sogar noch, glaube ich, aufgestellt nicht in Hessen, sondern in München bei einem Länderkampf gegen die USA. Tempi sehr passati.
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Sonntag, 3. Juni, 6.20 Uhr. Wohl eher nichts für die Montagsthemen: Das Derby in Epsom ist gelaufen, und mir fällt dazu nur Petula Clark ein. Einst auf ihrer (französischen) LP den kompletten Plattenhüllentext auswendig gelernt. Ein bisschen enttäuscht, dass sie keine Französin, sondern Engländerin war (ist), was ich gleich im ersten Plattenhüllensatz las: »Je suis ne a Epsom, pres de Londres, la, ou les Anglaises courrent le derby.« Auch deshalb nichts für die Montagsthemen, weil ich mich im Blatt nicht für all die Schreibfehler blamieren möchte, die sich da eingeschlichen haben.
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Freitag, 8. Juni, 17.45 Uhr. Vor dem Start dann auch noch der obligatorische deutsche Pillepalle-Skandal a la KMHs »Reichsparteitag«, an den ausgerechnet das liebe Hänschen Flick nahtlos anknüpft, das treue Helferlein, das schon physiognomisch ein Anti-Stahlhelm-Typ ist. Wenn Ronaldo anläuft, solle man sich den Stahlhelm aufsetzen und sich großmachen – zwar ein bisschen unglücklich wg. Polen, aber dass Flick nun eine hochpeinliche, hochoffizielle Entschuldigungsarie singen muss, ist skandalöser als der »Skandal«.
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Sonntag, 10. Juni, 6.40 Uhr: Die wahre, große und von mir hoch respektierte journalistische Leistung wurde/wird sowieso unter Druck beim Druck gemacht. Auf dem Tisch neben mir liegt die FAS, also die Sonntags-FAZ, mit zwei aktuellen Seiten vom Spiel inklusive Horeni-Kommentar (»Ein Anfang ohne Zauber«). Michael Horeni ist der Top-Journalist, der das Brüder-Boateng-Buch geschrieben hat und einer der Großzeitungs-Kollegen, auf die unser Berufsstand stolz sein kann (neben all den Menschen und Anlässen, die in die schamvolle Verzweiflung treiben können). Horeni habe ich nur einmal beruflich kennengelernt, vor vielen, vielen Jahren, in einer Hörfunk-Sportsendung des HR. Es ging, natürlich, um die Eintracht, und über sie palaverten, unter der Moderation von Volker Hirth, der damalige Eintracht-Boss Rolf Heller, ein FR-Kollege, Horeni und ich. Der FR-Kollege hieß und heißt Harald Stenger und sitzt heute mit ernsthaft-zerfurchter Stirn den Presseterminen der Nationalelf vor.
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Sonntag, 17. Juni, 6.25 Uhr: Erster Blick auf die letzten Meldungen der Nacht: »Campino wird 50« – »Hannes Wader wird 70« – »Paul McCartney wird 70« – »Experte warnt vor Sucht im Alter.« Beste Vorbeugung, siehe Campino, Wader und McCartney: Sucht in der Jugend. Die macht gefeit gegen Alterssucht. Aber nicht gegen die Sucht, jung bleiben zu wollen. Jung bleibt, wer gar nicht daran denkt, jung bleiben zu wollen. Obladi, oblada, life goes on.
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Sonntag, 1. Juli, 6.30 Uhr. Es hat sich ausgehypt, die EM-Party ist vorbei, der Flashmob zieht weiter, ich bin wieder da, zusammen mit dem Sport. Die kleine Kolumnenpause war der hilflose Versuch, dem Eventrausch zu entgehen, in dem ich nur Spielverderber hätte sein können. Und wer will das schon sein.
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Sonntag, 29. Juli, 6.35 Uhr. Gestern im Auto kurz HR-Infokanal gehört. Zu Gast war der SPD-Politiker Gerhard Merz, zumindest früher ein aufmerksamer Leser meiner Kolumnen (und heute?). Merz, das war das HR-Thema, hat auch einen Zettelberg: Er sammelt blöde, überflüssige, ungetümige, floskelige und verhaspelte Sätze aus Reden seiner Kollegen, Presseerklärungen und ähnlichem. Die Fahrt war zu kurz, um alles mitzukriegen. Sammelt Gerhard Merz auch Journalisten-Binsen und -Hülsen und -floskeln (wobei Binse auch schon eine floskelige Hülse und dies hier auch noch mehrfach gemoppelt ist)? Der SPD-Mann (intern, sagt man, sehr einflussreich auf Hessen-Ebene) scheint jedenfalls eine Eigenschaft zu besitzen, die man jedem Politiker wünscht: Beim Aufspießen der Fehlleistungen anderer immer im Hinter- und Vorderkopf zu haben, bei sich selbst auch ganz schön viel aufspießen zu können. Das schwebt auch immer über und in dem, was ich schreibe.
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Sonntag, 5. August, 6.35 Uhr. Sichtung der außersportlichen Nachtmeldungen. Bayern-Söder nutzt das Sommerloch, um bundesweit tönen zu können: »An Athen muss ein Exempel statuiert werden, dass diese Eurozone auch Zähne zeigen kann. Die Deutschen können nicht länger der Zahlmeister für Griechenland sein.« Das ist schon kein Popolismus mehr, sondern ganz arsch daneben. Die armen Normal-Griechen. Auch sie haben zwar von dem Wahn vergangener Jahre profitiert, müssen aber jetzt leiden, wie ein Söder mal leiden müsste. Die anderen, die millionen- und milliardenschweren Profiteure, haben ihre Euros längst im europäischen Trocknen. Ach was, nicht im europäischen (für Griechen heißt das westliche Ausland traditionell »Europa«), da wird’s ja auch nass und nässer. Sie haben längst ausgeflaggt und segeln unter Billigflaggen … jetzt mach ich mal lieber einen Punkt, bevor ich weiter solche Stilblüten produziere wie auf dem Trocknen über die Weltmeere segelnde O-nass-is-Epigonen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle