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Montagsthemen (vom 13. August)

Alles ist gesagt und gesendet. Alles? Nicht genügend gewürdigt: Mit welch freundlicher Grandezza, ja königlicher Würde Betty Heidler, zwischenzeitlich wie auf einem Gebetsteppich in sich ruhend, das absurde Spektakel an sich abtropfen ließ. Ganz groß. Oder wie Robert Harting über die Hürden … nein, nicht sprang, sondern lief, was die Grundvoraussetzung für diese Disziplin ist. Er nahm alle Hürden sogar im Spezialisten-Rhythmus bis ins Ziel (was nicht jeder Zehnkämpfer kann), und das ohne Einsatz der flaggenhaltenden Arme. Erleichtert wurde die sportliche Demonstration des 130-kg-Mannes natürlich durch die niedrigeren Frauenhürden (83 statt 106 Zentimeter).
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Oder Matthias Steiners Unfall: Solch eine Szene hätte es noch nie gegeben, heißt es. Stimmt nicht. Kommt im Reißen oft vor. Doch wenn die Hantel nicht exakt fixiert werden kann, lässt sie der Heber folgenlos nach hinten wegfallen. Steiner wollte aber mehr, als er konnte, ließ nicht los, weil er der unerbittlichste Kämpfer der Szene ist. Immerhin: Auch im Misserfolg lieferte er wieder eines der prägenden Bilder von Olympia.
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Zum Glück schon fast vergessen: Die unglückselige Sippenhaft-Diskussion um die Achter-Ruderin. In einer hochnotpeinlichen Befragung à la McCarthy-Inquisition in den USA der 50er-Jahre musste sie sich zur Demokratie als Nominierungskriterium bekennen. Und was geschieht mit Royalisten? Oder mit ganzen Staaten, die weit links oder rechts vom demokratischen Spektrum Untaten begehen?
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»Zielvorgabe«: Der Begriff gehört ins W. d. U., das Wörterbuch des Unmenschen. Dass zu viele Menschen zu viel darüber diskutieren, liegt erstens daran, dass man als Medaillenzähler keine Ahnung haben muss, um viel Meinung zu verbreiten, und zweitens, weil das Aufpassen, Denunzieren und Bestrafen für Blockwart-Mentalisten das höchste Lebensglück bedeutet.
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Hässlichstes Zitat: »Wir züchten mehr Karpfen als Delfine.« Sagt ein Schwimm-Leistungssportdirektor (nomen est W.-d.-U.-Omen). Veräppeltstes Zitat: das der »nicht den Weltfrieden gefährdenden« Britta Steffen. Sie sagt auch, und das offenbart die ganze miese Laschheit der Schwimm-Versager: »Es ist nur Sport. Es geht hier nicht um Leben und Tod.« – Oh, im Zitat vergriffen. Das sagt ja der britische Tour-de-France- und Olympiasieger Bradley Wiggins.
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Ach ja, die Briten. Konterkarieren unsere Zielvorgaben, indem sie ihr Team mit Freizeitsportlern im Handball oder Volleyball auffüllen, und dann hängen sie uns im Medaillenspiegelfechten so was von ab!
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Kleiner Tipp für W. d. U.-Freaks: In der Leichtathletik, in der fast alle Länder der Welt auf höchstem Niveau miteinander konkurrieren, gewinnen unsere selbstständigen Individualisten wie Harting oder Linda Stahl auch ohne eure graueminenzlichen Zielvorgaben erfreulich viele Medaillen. Steckt alle Fördergelder, alle Leistungspeitschen und alle Apparatschik-Lust in abseitige Randsportarten, die in Afrika oder Asien unbekannt sind oder mangels Witterung und Finanzierungsbereitschaft keine Rolle spielen. Dann klappt’s wieder mit dem Medaillenspiegel. Siehe Wintersport.
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Apropos Linda Stahl: Sieht aus wie »Signorina Ellettra« Annett Renneberg aus den Donna-Leon-Krimis. Aber das nur am Rande. Zurück zu den Briten: Wunderbar, diese Olympia-Atmosphäre! Fast wie bei unserem Sommermärchen 2006! Wird aber ebenso schnell vergehen wie damals die deutsch-türkische Korso-Verbrüderung. Knurrt der Misanthrop.
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Und er knurrt weiter: Zur weltweiten Begeisterung um Mo Farah fällt ihm das »Nike Oregon Project« (NOP) ein, das in dieser Kolumne vor zwei Jahren ein Thema war. Der US-Sportmulti Nike hat in Oregon ein Höhenhaus finanziert, in dem ein Luftdruck wie auf 3600 Metern über dem Meer herrscht und auf Antischwerkraft-Laufbändern trainiert wird, um nur eines der Hightech-Mittel im NOP zu nennen. Bewohner des Höhenhauses unter anderen: Mo Farah und Galen Rupp, der als Weißhäuter nicht minder sensationelle 10 000-m-Zweite.
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Zum Olympia-Zwiespalt gehört auch der deutsch-britische Bahnradfahrer, der das tat, was asiatische Badmintonspieler taten, aber nicht mit Schimpf und Schande verjagt, sondern als Olympiasieger gefeiert wurde.
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Aber schön war’s doch. Ermutigend auch, dass die Griechen Licht am Ende des Eurokrisentunnels sehen. Denn wer leistete sich die teuerste Repräsentanz in London, überwiegend finanziert aus der staatlichen Lotteriekasse? Genau! Alles wird gut. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle