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Windiges (Anstoß vom 9. August)

Nicht nur beim Laufen und Springen spielt der Wind eine olympische Rolle. In technischen Disziplinen wie heute im Diskuswerfen (Zehnkampf) und Speerwerfen (Zehnkampf und Frauenfinale) ärgern sich die Athleten sogar über schlechten »Wind«, wenn er gar nicht weht – denn Flaute lässt die Geräte nicht weitenfördernd aussegeln. Da nicht Rückenwind dem Werfer entgegenkommt, sondern Gegenwind, wirft man den Diskus pro Windmeter ungefähr soviel weiter wie ein Sprinter bei Rückenwind schneller ist, also etwa einen Meter bzw. eine Zehntelsekunde.
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Unterschied: Bei den Würfen gibt es keine Windbegrenzung, in Lauf und Sprung werden Rekorde nur bis zu einem Grenzwert von zwei Metern pro Sekunde anerkannt. Als offenes Geheimnis gilt übrigens, dass bei Bob Beamons phänomenalen 8,90 m von Mexiko 1968 den Kampfrichtern Freudentränen in die Augen stiegen, so dass sie nur die gerade noch erlaubten 2,0 m/sec ablesen konnten und nicht den wahren Windwert, der den Jahrhundert-Weltrekord verblasen hätte.
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Was kaum jemand weiß: Auch im Marathonlauf spielt der Wind mit beziehungsweise darf nicht mitspielen: Regel: Wenn Start und Ziel nicht identisch sind, darf die Luftlinien-Entfernung zwischen ihnen nicht mehr als 50 Prozent der Laufstrecke betragen. Beim Marathon also 21 Kilometer, damit nicht größtenteils in eine einzige Richtung gelaufen wird. Man stelle sich eine gerade 42-Kilometer-Strecke mit schönem Rückenwind vor – die Zwei-Stunden-Marke wäre längst geknackt.
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Was Gegenwind und Rückenwind bedeuten, fühlen wir Nichtolympier kaum. Wir müssen uns schon aufs Rad setzen und mächtig treten, um bei knapp 40 km/h (schaffen Sprinter ohne Rad) zu spüren, wie die »leichte Brise« beflügelt oder bremst. Auch gemütlichere 20-km/h-Radler wissen die Vorzüge des Rückenwindes zu schätzen (und Gegenwind zu hassen).
Die subjektive Erfahrung, beim Radfahren mehr Gegen- als Rückenwind zu erleben, wird von objektiven Tatsachen gestützt: Bei Gegenwind kommt man deutlich langsamer voran, braucht also mehr Zeit, um an sein Ziel zu kommen. Im Laufe eines Radfahrer-Berufslebens hat man daher auf dem Weg zum und vom Arbeitsplatz viel mehr Zeit im Sattel bei Gegen- als bei Rückenwind verbracht.
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Dieses Phänomen steckt auch in einem uralten »Anstoß«-Rätsel. Für neu Hinzulesende die Wind-Fangfrage: Mit Tempo 30 braucht ein Radler eine Stunde, um zu einem 15 Kilometer entfernten Ort und wieder zurück zu gelangen. Doch wenn ihm auf dem Hinweg eine steife Brise entgegenbläst und er nur die halbe Geschwindigkeit erreicht, wie schnell muss er dann auf der Rückfahrt sein, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen?
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Auflösung, gleichzeitig eine Seins-Erkenntnis: Die Zeit ist uneinholbar. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle