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Von Menschen und Keksen (Anstoß vom 8. August)

Olympia biegt auf die Zielgerade ein, und vor dem Endspurt, in dem er immer einer der Besten war, gilt es, an eine prägende Figur der Spiele zu erinnern. Und an seinen Gegenspieler.
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Es wäre eine schöne Doppelaufgabe für unsere »Wer bin ich?«-Serie: Der eine Olympiasieger wurde 1982 von der Queen mit dem Orden »Member of the British Empire« ausgezeichnet. Er kam in Begleitung seiner Eltern und beteuerte, dieser Orden sei ihm mehr wert als die olympische Goldmedaille von Moskau. Kurz zuvor hatte er beim Olympischen Kongress in Baden-Baden treuherzig versichert, ein lupenreiner Demo … quatsch … Amateur zu sein.
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Beide hingeheuchelten Beteuerungen des Ober-Smarties trieben seinem größten Rivalen Wutpickel auf die Stirn. Dieser (der Rivale, nicht der Pickel) war ebenfalls olympischer Goldmedaillengewinner, galt aber nie als ordensreif, sondern im Gegensatz zum artigen Knaben als böser Bube. Wäre der MBE-Orden ihm verliehen worden, hätte er (der Bube, nicht der Orden) nicht geliebedienert, sondern eher wie John Lennon beim gleichen Anlass die Leute auf den billigen Plätzen aufgefordert zu klatschen, die Damen auf den teuren Plätzen aber süffisant gebeten, nur dezent mit den Juwelen zu rasseln.
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Noch keinen Schimmer? Weitere Tipps: Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gewann der böse Bube die Goldmedaille über 800 m vor dem Smartie auf dessen Spezialstrecke, während dieser Gold über 1500 m holte und dabei den hier favorisierten Rivalen schlug.
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Das müsste eigentlich genügen. Der »Gute« war später mal mit Irene Epple verbandelt, der Skirennläuferin und späteren Ehefrau von Theo Waigel (der mit den Brauen und der mit dem Euro), der »Böse« wanderte ungeliebt und verbittert nach Australien aus. Er heißt Steven Ovett und ist fast vergessen, während Lord Sebastian »Seb« Coe hoch geehrter Chef des London-Organisationskomitees ist. 2015 will er, was er natürlich nicht zugibt, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF werden, und im IOC wird mehr als nur getuschelt, dass Doktor Bach im britischen Lord Coe sogar seinen gefährlichsten Konkurrenten im Kampf um die Rogge-Nachfolge sieht.
Was ist das unterschiedlichste Gegensatz-Paar: Feuer und Wasser, Gut und Böse, Männlein und Weiblein, Linke und Rechte, Sportler und Nichtsportler, Coe und Ovett? Seit ich von einem alten Psycho-Test gelesen habe, weiß ich es: Ein Keks und zwei Kekse. So geht der Test: Vierjährigen wurde gesagt, sie könnten entweder gleich einen auf dem Tisch liegenden Keks haben – oder aber sogar zwei, wenn sie eine Viertelstunde warten. Die eine Hälfte der Kinder aß den Keks sofort, die andere Hälfte wartete ab.
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In späteren Jahren wurde der Werdegang der Kinder überprüft: Diejenigen, die gewartet hatten, hatten im Schnitt deutlich mehr Erfolg im Beruf und im sozialen Leben, während die Sofortesser überproportional häufiger Probleme im Beruf, mit der Polizei und mit Drogen hatten.
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Wen der Test nicht erfasst: Das Kind, das abwartet, unterdessen aber anderen die Kekse wegisst und dafür mit zweien belohnt wird, während die Beklauten leer ausgehen. Was lehrt uns das … oh, beim Schreiben der Kolumne habe ich nicht aufgepasst …. WO IST MEIN KEKS? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle