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Sport-Stammtisch vom 18. August

»Potsdam im Goldrausch!« (Schlagzeile der Potsdamer Neuesten Nachrichten am Freitag nach weiteren Goldmedaillen für Kanuten der Stadt)
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Zur falschen Zeit am richtigen Ort. Ein Reisebüro in Potsdam. Nicht, um eine Reise zu buchen, sondern um die alte Freundschaft mit dem Inhaber aufzufrischen. Die Überraschung gelingt. »Mensch, Junge, was machst denn du hier? Siehst ja immer mehr aus wie ein Radfahrer!« Udo Beyer umarmt seinen Gast aus Hessen, was dieser nicht erwidern kann, weil er in den Pranken des Kugelstoß-Olympiasiegers von 1976 gefangen ist und seine eigenen Arme nicht lang genug sind, um Beyers fast drei Zentner zu umfassen.
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Das Gespräch dreht sich, natürlich, um David Storl. Trotz Silber leise Skepsis.  Bei Pascal Behrenbruch sind sich beide einig: Das kommt davon, wenn man sich auf eine »C-EM« konzentriert. Danach zur Siegermentalität im allgemeinen. Plötzlich die Frage. »Welcher Platz zählt? Schnell, sag’s!« Der Hesse, ebenfalls ehemaliger Kugelstoßer, aber einer der vergleichsweise sehr bescheiden erfolgreichen Art, windet sich ein wenig, weil er die gewünschte Antwort kennt, die ihm aber nicht gefällt. Er gibt sie schließlich dennoch: »Platz eins.« – »Siehste! Schon der Zweite ist der erste Verlierer. So habe ich es immer gehalten. Diese Mentalität fehlt einigen im deutschen Team.«
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Der zaghafte Einwand, auch die persönliche Bestleistung sei ein erstrebenswertes Ziel, beantwortet Beyer mit einem mitleidigen Blick. Beide wissen ja, warum der eine Olympiasieger und Weltrekordler war und der andere . . . na ja.
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Szenenwechsel. Der »Seekrug« am Templiner See, stimmungsvolle Gaststätte und Domizil der Potsdamer Ruderer. Direkt daneben das Olympia-Leistungszentrum der Kanuten. Wunderbares sportliches Bild auf dem See: Ruderer, Kanuten, weiter draußen Drachenbootfahrer, sogar ein paar Langstreckenschwimmer. Auffällig: Die Kanuten sind durchweg jung und offensichtlich schon sehr leistungsstark. Bei ihnen ist »Zug« drin, da paddelt keiner vor sich hin. Bei den Ruderern ein anderes Bild: Hier und da sieht man ein Boot, das professionell leistungsorientiert bewegt wird, aber es überwiegen sichtbar die Anfänger, die Spaßruderer und die Altherrenboote.
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Die Idylle täuscht. Der Gast aus Hessen erfährt, dass vor einem Jahr bei der Vorstandswahl der Potsdamer Rudergesellschaft ausschließlich Breitensportvertreter gewählt wurden. Die verärgerten Leistungssportler traten aus dem Verein aus und gründeten einen neuen, den Potsdamer Ruder-Club. Vorsitzende: Kathrin Boron, mehrfache Olympiasiegerin, eine Ruder-Legende. Seitdem zoffen und bekriegen sich beide Klubs, es geht um Nutzung von Trainingsstätten rund um den »Seekrug«, vor allem aber um Grundsätzliches. Die Traditionalisten der PRG berufen sich auf Götz W. Werner, Ex-Ruderer, Anthroposoph und Gründer der DM-Drogeriekette: »Der Mensch wird geboren, um die Welt zu verändern. Nicht um Ruderer zu werden oder olympische Medaillen zu gewinnen.« Im PRC, so der Tenor von Leserbriefen im PRG-Vereinsheft, werde »Züchtung von Kaderathleten nach DDR-Muster« betrieben.
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PRG-Ruderer in London: null. PRC-Ruderer: zwei. Zwei Frauen, die mit ihren Booten im Hoffnungslauf scheiterten (Doppelzweier) bzw. Siebte wurden (Achter).
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Gestern eine Top-Meldung in den Nachrichten: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und Verteidigungsminister Thomas de Maiziére, dieser als immerhin größter Arbeitgeber der deutschen Olympioniken, haben das »Versagen« der deutschen Mannschaft öffentlich kritisiert.
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»Kanuten retten den Medaillenspiegel« (Potsdamer Neueste Nachrichten)
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Zugabe: Udo Beyer, 57, der nur noch Rad fährt, empfiehlt eine schöne Strecke, seine bevorzugte, rund um den Schwielowsee. Er fahre die 90 Kilometer in drei Stunden. Der Mann ist das Gegenteil eines Aufschneiders, weiß der alte Freund. Tags darauf fährt er die Strecke ebenfalls. Vergleichswert: Beyers drei Zentner fahren einen 30-km/h-Schnitt, seine eigenen zwei schaffen kaum mehr als 20.
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Und die Moral von der olympischen Geschichte? Ein jeder hat seine eigene. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle