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Mit weiteren Worten (vom 7. August)

Fast mehr noch als Britta Steffen und Paul Biedermann war Robert Harting vor seinem olympischen Wettkampf in einem wahren Interview-Marathon mit aufwendigen Fotostrecken in allen großen Zeitungen und Zeitschriften vertreten (hoffentlich kein schlechtes Omen für heute!). Glänzend verkaufte er dabei sein Image als rebellischer Kraftmensch mit überraschend zarter Seele und tiefen Selbstzweifeln bis fast zur Suizid-Gefahr. Schön wäre es, ihn beim Lesen seiner Interviews beobachten zu können. Ob er sich auf die Schenkel schlägt (»Toll, was die mir alles abnehmen«)? Sicher ernst gemeint und die Realität treffend dagegen diese Passage aus dem Stern: »Dass die Russen seiner Meinung nach stoffen, also dopen, sagt Harting fast nebenbei. (…) ›In Russland, ich meine, da gibt es noch nicht mal überall Straßennamen. Wie will ein Kontrolleur die Kollegen überhaupt finden?‹«
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Natürlich schreibt Bild-Kolumnist Franz-Josef Wagner seine »Post von Wagner« auch an die Olympiateilnehmer. Zum Beispiel an diese: »Euer Vorteil ist, dass Ihr nicht Zeitung lest und TV seht. (…) Ihr seid Pferde, Ihr seid anders als die Versager im Schwimmbecken. (…) Pferde sind Instinkt-Tiere. (…) Pferde sind Tiere der Freiheit. Ich glaube, nur so kann man eine Goldmedaille gewinnen.« – Wagner schreibt tatsächlich die Anrede höflichkeitsgroß (»Viele Zweibeiner haben versagt, nur Ihr Vierbeiner nicht«), ansonsten: Ohne weitere Worte.
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»Halbnackte Frauen, die glitzern wie feuchte Otter.« (Londons Bürgermeister Boris Johnson über Beachvolleyballerinnen, zitiert beim sid und eigentlich fast überall)
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Zitate dieser Art tauchen normalerweise bei uns nicht auf, da wir hier Wert darauf legen, keine bereits durchgenudelten Sätze nachzudrucken. Die »feuchten Otter« sind eine Ausnahme, denn der großartige Holger Gertz nimmt in der SZ den Johnson-Satz zum Anlass, um herrlich drauflos zu fabulieren: »Während es untertrieben ist, die Beachvolleyballerinnen als halbnackt zu bezeichnen, trägt der Otter 50 000 Haare pro Quadratzentimeter Haut mit sich herum, er gehört zu den am dichtesten verhüllten Tieren des Universums. (…) Niemals hat ein Otter Beachvolleyball gespielt, er hat genug damit zu tun, nicht auszusterben. Dass alle Welt jetzt über die Anmut feuchter Otter redet, kann der Gattung nur gut tun. Ein Dank also an Boris Johnson, der interessant frisiert ist und aus der Ferne aussieht wie eine bisher unentdeckte Bärenart.«
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In einer Zitaten-Kolumne wie dieser können Cartoons – leider – keine Rolle spielen, denn der Witz an der Witzzeichnung ist ja meist, dass er schon ohne weitere Worte funktioniert. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie in meinem Lieblings-Sportcartoon von Bernd Pfarr. Das Bild: Ein Mann mit Skiern an den Füßen, Taucherbrille auf der Nase und einer Hantel in den Händen springt vom Zehnmeterturm ins Wasser. Aber erst der Bildtext bringt den Clou (ich könnt’ mich schon wieder wegschmeißen): »Ist das noch Fußball?« Auf der Cartoon-Seite von Til Mette im Stern steht nun ebenfalls ein Bilderwitz, dem erst der Text die Würze gibt. Das Bild: Mann (mit Olympia-Fähnchen in der Hand, gebannt) und Frau (gelangweilt) sitzen vor dem Fernseher. Dialog: »Psst, jetzt startet die Lesbe mit dem Kim-Jong-Il-Tattoo auf dem Arsch, deren Mutter Krebs hat und jetzt jodeln lernt.« – »In welcher Disziplin?« – »Is doch egal.«
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In diesem Fall sagt nicht das Bild, sondern der »Pssst«-Satz mehr als tausend Worte. In einem anderen aktuellen Mette-Cartoon spielt das Bild sogar gar keine Rolle (Mann und Frau beim Essen am Tisch), die Wortblase des Mannes spricht für sich: »Bitte versprich mir, dass du mir deine Gabel in die Augen stichst, falls ich jemals versuchen sollte, mein Essen zu knipsen, um es auf Facebook zu posten.« Hat zwar mit Olympia nichts zu tun, ist aber zu schön, um nicht diese Kolumne ohne weitere Worte zu beschließen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle