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Johannes Grüns Kritik an “Aufwertung durch Überempörung”

Beim Lesen ihrer Kolumne in der Alsfelder Allgemeinen vom vergangenen Samstag ist mir folgende Passage aufgefallen:

"Der Fall (...) entspricht den Protesten gegen NPD-Veranstaltungen, bei denen mit über tausend Kanonen auf ein Dutzend armselige Spatzen geschossen wird. Aufwertung durch Überempörung."

Seit zwei Tagen stellt sich mir die Frage: Ist das ihr Ernst? 

Ein paar Monate nach der Aufdeckung der Mordtaten durch die NSU-Terrorzelle, deren augenscheinliche Kontakte ins NPD-Milieu gerade Gegenstand der Untersuchungen sind, bemühen sie nicht nur einen in der Bildsprache völlig unpassenden Vergleich, sondern verharmlosen zudem in lapidaren Sätzen die rechtsextremistische Szene und das mit ihr einhergehende Gewaltpotential.

Als hysterisch abgekanzelt werden hingegen diejenigen, die sich couragiert und keinesfalls immer als große Mehrheit gegenüber "armseligen Spatzen" rechtsextremem Gedankengut entgegenstellen. Die offene Zurschaustellung rechter Inhalte verbunden mit der Androhung von Gewalt gegen Andersdenkende ist übrigens nicht allein ein Problem bestimmter Regionen Ostdeutschlands, sondern auch von Gegenden im Vertriebsgebiet der mit ihrer Kolumne versehenen Zeitungen.

Eine Bewertung des Falles Drygalla und vor allem der medialen Begleitung kann durchaus ambivalent ausfallen. Sie ist aber so oder so kein Grund, zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit pauschal als "Aufwertung durch Überempörung" abzuqualifizieren. Über die nächste NPD-Veranstaltung werde ich mich übrigens - "Gefahr der Aufwertung durch Überempörung" hin oder her - wieder ziemlich aufregen, vielleicht sogar öffentlich. Soviel ist mir unsere Demokratie dann doch wert.

(Johannes Grün)

Baumhausbeichte - Novelle