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Montagsthemen (vom 6. August)

Noch einmal zum Olympia-Samstag. Die scheintot gravitätischen Honoratioren bei den Siegerehrungen, der irr verwirrte Fahnenschwenker beim Weitsprung, die psychische Folter für Lilli Schwarzkopf aus absurdem Anlass, die kleingeistig bürokratische Entscheidung beim zeitgleichen Triathlon-Einlauf – allesamt Wasser auf die alten eigenen Mühlen von Funktionärs-Aliens als natürlich-unnatürlichen Gegenspielern der Sportler.
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Die körperliche Zartheit der Siebenkampf-Siegerin Jessica Ennis steht in schroffem Kontrast zu ihrer Psyche, die der eines stählernen Schmetterlings ähneln muss. Achten Sie beim Zehnkampf auf den Favoriten Ashton Eaton: Er könnte von der Physiognomie her Ennis’ Zwillingsbruder sein. Mehrkampf-Paradigmenwechsel hin zu filigranen, eleganten und dennoch zähen Bewegungstalenten?
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Nadine Müller: Mit der Psyche von Ennis oder der Technik, Kraft und Explosivität ihrer Konkurrentinnen wäre sie konkurrenzlos. Diese Hebel, diese langen Schwingen mit ihrer unglaublichen Spannweite! Ihr Trost: Was sie nicht hat, kann sie lernen. Was sie hat, können sich andere nicht antrainieren.
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Klar, dass mit Oskar Pistorius’ erstem Lauf in London die alten Diskussionen wiederbelebt werden, obwohl alles längst gesagt ist. Wenn erneut diskutiert wird, ob die Prothesen dem Blade-Runner Vor- oder Nachteile bringen, geht das zielsicher am Kern der Sache vorbei, denn nicht das ist wichtig, sondern nur: Betreibt Pistorius die selbe Sportart wie seine naturfüßigen Konkurrenten? Antwort, kategorisch: Nein. Was die Diskussion eigentlich beenden und seinen Olympiastart verhindern müsste, aber das erlauben Medien, Kommerz und falsch verstandene Behinderten-Korrektbehandlung nicht.
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Statt mühseliger Beweisführung, die sowieso nicht interessiert, schauen wir auf die beinamputierte Natalie tu Toit, eine Landsfrau von Pistorius. Sie schwimmt mit einem Bein, ihr will niemand den Start bei den »Beidbeinigen« verweigern, denn das wäre ein nicht nur unsportlicher, sondern fast schon kriminell diskriminierender Akt. Sie, als benachteiligte Einbeinige unter Beidbeinigen schon einmal Vierte der Langstrecken-WM (eine unfassbare Leistung!), bietet kein Argument für, sondern ein überzeugendes gegen Pistorius’ Olympia-Start, denn mit High-Tech-Flossen-Prothesen würde sie alle Goldmedaillen überlegen gewinnen und sämtliche Weltrekorde pulverisieren. Ein Vergleich mit flossenlosen Schwimmern verböte sich wegen der augenscheinlichen Absurdität von selbst – ähnlich wie in Zukunft ein Olympiastart mit Siebenmeilen-Prothesen nicht mehr zur Debatte stehen wird. Vor zwanzig Jahren hätte kein amputierter Sportler bei den Nichtamputierten starten wollen. In zwanzig Jahren wird dies auch niemand anstreben: Zu chancenlos wären die beidbeinig Naturfüßigen, zu stürmisch »schreitet« die Entwicklung voran. Auch weil genügend Forschungsgeld vorhanden ist: Die Prothesenforschung wird vom Pentagon gesponsert, da schon weit über tausend Soldaten mit fehlenden Gliedmaßen aus dem Irak oder Afghanistan zurückgekehrt sind.
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Und dann wäre da noch die leider sehr typische (schein) heilig gerechte Empörung über die Ruderin, die als Mitglied des ausgeschiedenen Achters ohne NPD-Freund namenlos geblieben wäre und daher hier auch bleiben wird. Die Empörung ist wohlfeil, da sie nur die eigene »gute« Gesinnung betont, ohne mehr dafür tun zu müssen, als bei günstiger Gelegenheit (kleines, armseliges NPD-Dutzend trifft sich) Arm in Arm mit tausend anderen Anti-Rechts-Rechtschaffenen zu demonstrieren.
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Einige Nachdenkliche thematisieren die echte Gefahr: Dass die NPD im Osten Deutschlands die Lücke füllt, die familiäre Desaster, innere Verwahrlosung und zusammenbrechende soziale Strukturen aufgerissen haben. Vor allem im Sport, im Verein, »kümmern« sich die Rechten. Das ist die wahre Bedrohung, doch sie kommt weniger vom rechten Rand der Gesellschaft, sondern mehr von ihrem inneren Zustand. An dem sind wir alle schuld, natürlich auch: (gw)

Baumhausbeichte - Novelle