Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 4. August)

Wenn wir uns schon in so vielen olympischen Dingen einig sind, können wir heute ja mal wider den Stachel löcken. Themen: Britta Steffen, Badminton und die Ruderin, deren Namen ich mir erst gar nicht merken will.
*
Wider den Stachel löcken? Da kann ich gleich mit Selbstkritik beginnen: Einen irgendwie bildungssprachlich klingenden Begriff benutzt, aber ohne jede Ahnung, was er genau bedeutet und wo er herkommt. Also, nachschauen. Aha. Stammt natürlich aus der Bibel, Apostelgeschichte des Lukas (26/14): »Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird dir schwer sein, wider den Stachel zu löcken.«
*
So, jetzt wird gelöckt, was der Stachel hält: Bekanntlich frönen wir Deutsche auch und vor allem bei Olympia unserer Lust, siegreiche Helden überschwänglich zu feiern, gefallene aber zu verdammen, getreu dem Winston Churchill zugeschriebenen Bonmot: »Die Deutschen hat man entweder zu Füßen oder an der Kehle.« Britta Steffen hat ihre Landsleute, jedenfalls aus der journalistischen Zunft, buchstäblich an der Kehle, denn was aus dieser herauskommt, wird ihr (von Welt online) als »hilfloses Geschwafel« um die Ohren gehauen.
*
Und dies ist das »hilflose Geschwafel«: »Vielleicht ist meine Zeit vorbei. Sport ist nicht planbar. Es fällt mir ein bisschen schwer, anerkennen zu müssen, dass ich vielleicht nicht mehr zur Weltspitze gehöre. Aber die Jugend kommt nach, und das kann man nicht aufhalten. Aber das ist kein Weltuntergang, durch mich ist auch nicht der Weltfrieden gefährdet.«
*
Wer das als »hilfloses Geschwafel« bezeichnet, sagt nichts über Britta Steffen aus, aber alles über sich selbst. Vor allem der nicht gefährdete Weltfriede stinkt den Kritikern. Klar, denn wer kein Gespür für die bittere, sarkastische Selbstironie von Britta Steffen hat, für den geht der Weltfrieden schon verloren, wenn die Bilanz im Medaillenspiegel gefährdet wird.
*
Und dann erst der Badminton-Skandal: Da verlieren Asiatinnen ganz offensichtlich mit Absicht – weg mit ihnen, raus aus Olympia!, schnappatmen die selbstgerecht Empörten in ethisch-moralischer Aufwallung. Doch schuld sind nicht die Sportlerinnen, sondern der Modus, wie schon 1982 bei der »Schande von Gijon«, dem einvernehmlichen WM-Gekicke von Deutschland und Österreich zu Lasten Algeriens. Nur Masochisten kämpfen mit letztem Einsatz, wenn das den Erfolg gefährdet, den halber Einsatz garantiert. Auch in London käme kein Läufer auf die Idee, im Zwischenlauf volle Pulle zu rennen, mit der Gefahr einzubrechen und auszuscheiden, wenn er mit einem lockeren Lauf auf Platz den Endlauf sicher hätte. Was wiederum immer für einen anderen das Ausscheiden bedeutet. Wer sich über die Unfairness der Sportler erregt, sollte lieber die Unfairness des Modus beklagen und ihn ändern, zum Beispiel durch K.o.-Runden.
*
Aber nun wird’s richtig prekär: Eine bereits ausgeschiedene deutsche Ruderin (Name? Siehe oben) hat das Olympische Dorf verlassen (müssen), weil sie einen Freund haben soll, der für die NPD Politik macht. Der Fall hat jetzt schon mehr Schlagzeilen geschrieben als das Gold der beiden deutschen Bahnradfahrerinnen (Namen? Siehste!) und entspricht den Protesten gegen NPD-Veranstaltungen, bei denen mit über tausend Kanonen auf ein Dutzend armselige Spatzen geschossen wird. Aufwertung durch Überempörung.
*
Ich könnte jetzt noch mein altes Lamento über das Unsportliche an der olympischen Freude über »Exoten« anstimmen oder außerolympisch über durchaus Bedenkenswertes an Hoeneß’ Breno/Maurer-Vergleich schreiben, doch genug des Löckens wider den Stachel. Zumal ich immer noch nicht weiß, welchen Ursprung das Wortbild hat. Aber siehe da, beim kinder.bibelcenter werde ich online fündig: Mit dem Stachel, einem langen Pfahl mit Nagel, wurden Ochsen im biblischen Land beim Pflügen auf einer geraden Linie gehalten. Verlässt der Ochse seinen Kurs, macht er schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Nagel. Autsch! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle