Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Anstoß vom 2. August (Ins Rollen gekommen)

Jetzt kommen die Medaillen noch schneller ins Rollen als unser tüchtiger Silber-Tony. Wer holte eigentlich unsere erste? Schnell, schnell! Schon vergessen? Nein, diesmal war es ja Britta Heidemann, die große Fechterin, die uns erlöste. Früher waren es andere, schnell vergessene. Wer gewann in Athen 2004 die erste Medaille? Ich werde die Dame nie vergessen, denn Julia Matijass schenkte uns nicht nur Judo-Bronze, sondern durch ihre Siegwertung auch einen unvergesslichen Begriff: Innenschenkelwurf. Ein sinnliches Wort mit melodischem Klang, ein großer sprachlicher Wurf mit dem Innenschenkel, auszusprechen nicht in teutonischem Stakkato (In/nen! Schen/kel! Wurrrf!), sondern träumerisch als Langsilbe zu flüstern.
*
Der Innenschenkel spielt auch bei den Reitern eine entscheidende Rolle. Gold und Bronze im Vielseitigkeitsreiten, Gold im Vielseitigkeitsmannschaftsreiten – als es noch kurz Military hieß, gewannen wir gar nichts. Und wie spannend es war! Diesmal sogar für Pferde nicht einschläfernd . . .
*
Military, Fechten – jetzt holen wir unsere Goldmedaillen doch noch in den Disziplinen, mit denen man Kriege gewann. Bis 1870/71. Und natürlich: Kanureiten.
*
Die Funktionäre des Deutschen Schwimmverbandes sind enttäuscht und fühlen sich fast persönlich beleidigt, weil die »Medaillenvorgabe« nicht eingehalten wurde, wie DSV-Leistungssportdirektor Buschkow klagt. Ich dagegen klage, dass die deutsche Sprache viel zu wenige Innenschenkelwürfe hat, aber viel zu viele »Medaillenvorgaben« und »Leistungssportdirektoren«. Was sich graue Funktionäre in grauen Hinterzimmern so alles an Grauslichkeiten ausdenken, um sich wichtig zu machen!
*
Bahnradler Robert Förstermann hat schon vor seinem ersten Start einen höheren Bekanntheitsgrad, als er ihn mit Gold und ohne ausgeprägten »Musculus quadriceps femoris« erlangen könnte. Bei ihm sieht der vierköpfige Oberschenkelmuskel aus, als hätte er acht Schwellköpfe. Ein Vergleichsbild mit Andre Greipels Quadriceps erregt per Facebook weltweit Aufsehen. Ein Gendefekt sei schuld an den 73 Zentimetern Umfang, heißt es. Mag sein. Aber »nur« 73? Ich kenne sehr persönlich einen Mann, der in seinen Zeiten als Kugelstoßer über 75 Zentimeter aufweisen konnte. Und keinen Gendefekt hatte, aber Förstermanns Probleme sehr gut kannte, vom Hosenkauf bis zum, sorry, »Wolf«.
*
Das noch: In der Kolumne gestern kam das Wort »überzwerch« vor. Eine Leserin monierte, das sei kein richtiges Deutsch. Doch! Ich weiß es, denn manche Fehler vergisst man nicht. Als ich das Wort erstmals im »Anstoß« benutzte, schrieb ich als Hesse, der »üwwerzwersch« sagt, scheinbar hochdeutsch »überzwerg«, was »üwwerzwersch« war, denn es heißt in der Tat »überzwerch«. Wer’s nicht glaubt, schaue im Duden nach. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle