Archiv für August 2012

Sport-Stammtisch (vom 1. September)

Geld. Der eine hat’s, der andere will’s, ich schreibe drüber. Ausgangspunkt, natürlich, ein gewisser Javier Martinez. Das ist der Mann, dessen Name auch unter Fußballkennern kein Begriff war, der nun aber in aller Munde ist, weil Bayern München für ihn 40 Millionen Euro hinblätterte. Bundesliga-Rekord. Was nicht weiter bemerkenswert wäre, denn der deutsche Transfer-Rekord liegt international gerade mal auf Platz 23, weit hinter Ronaldos Weltrekord (94 Millionen, Zahlen laut transfermarkt.de). In das Licht des hellen Wahnsinns rückt der Transfer aber durch das fast schon treuherzige Bekenntnis von Uli Hoeneß, dass der reale Marktwert von Martinez nur gut die Hälfte der geforderten und bezahlten 40 Millionen sei.
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Nichts gegen Martinez: Ich gebe zu, mich nicht an ihn zu erinnern. Er spielte ja auch bisher »nur« in Bilbao eine beziehungsweise in der Nationalmannschaft kaum eine Rolle. Er könnte aber, falls die Vorab-Charakterisierungen stimmen, von Statur und Position her der zweitwichtigste denkbare Transfer für die Bayern werden (der wichtigste wäre ein solcher Spieler eine Reihe weiter hinten). Aber mal locker 40 statt maximal 25 Millionen zahlen, nur weil man’s hat und will – seltsam, seltsam.
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Da bleibt anderen Sportlern nur das große Staunen. Und der nackte Neid. »Dafür ist es umso erstaunlicher, dass Deutschland in London Goldmedaillen gewonnen hat, die einen Athleten später nicht ernähren«, meint Katarina Witt im Spiegel-Interview: »Im Fußball wird sehr viel mehr Geld verdient, und wir sind trotzdem nicht Weltmeister.« Was man allerdings auch andersrum sehen könnte: In Sportarten, die einen Athleten nicht ernähren, ist die Konkurrenz kleiner und die Titelchance daher größer als im Fußball.
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Der Geher Andre Höhne beklagt im FR-Interview die »Missachtung, die sein Sport erfährt«. Und so sieht in Deutschland Missachtung in dieser Disziplin aus, in der zwar manchmal gelaufen wird, die aber nicht gerade überlaufen ist: Höhne »hat zuletzt den Lebensunterhalt für sich, Frau und Sohn in der Sportfördergruppe der Bundeswehr verdient« (FR) und fürchtet, dass dies nach dem Karriere-Ende nicht mehr der Fall sein wird. So was aber auch!
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Ähnlich klagen Behindertensportler wie Ilke Wyludda und Wojtek Czyz, die im Vorfeld der Paralympics Prämien-Gleichstellung mit den Olympioniken forderten. Solche Töne hört man jedoch nicht aus dem Lager der Seniorenleichtathletik oder von den Retrorunnern, die soeben ihre WM hatten und auf jegliche staatliche Prämienforderung verzichteten.
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Fast schon Blasphemie, oder? Zumindest Diskriminierung, dieser Vergleich mit Altsportlern und Rückwärtslaufern? Nein, denn in diesen Bereichen ist die Konkurrenz – zum Glück! – nicht kleiner als in einer speziellen Schadensgruppe bei den Paralympics, und die Leistungen sind ebenso phänomenal (100-m-Rückwärtssieger Roland Wegner lief 15,32 Sekunden!). Und überhaupt: Behinderte sind nicht die besseren Menschen. Sie sind wie du und ich. Es dient nicht der Integration, wenn man sie dennoch auf einen paralympischen Sockel stellt. Wer solch ein bombastisches Behinderten-Olympia mit Hymnen, Ein- und Ausmärschen, eben mit allem olympischen Drum und Dran zelebriert, erreicht – trotz oder gerade wegen der Medien-Pflichtübungen – womöglich das Gegenteil des Erstrebten. Wäre nicht eine Nummer kleiner manchmal eine Nummer besser? Täuschen sich die behinderten Sportler bei den Paralympics, wenn sie die große Medienaufmerksamkeit als Erfolg für ihre Sache werten? Könnte es sogar sein, dass in weniger angestrengter Beachtung mehr unverkrampfte Achtung stecken könnte?
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Dennoch zuckte ich zusammen, als ich die FAZ-Schlagzeile zum Paralympics-Start las: »Deutsche Betroffenheitsposse«. Ein bisschen hart, liebe Kollegen! Doch beim zweiten Hingucken erkannte ich meinen Freudschen Verleser: Es hieß nicht »Betroffenheitsposse«, sondern »Betroffenheitspose«. Auch nicht schlecht.
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Huch, schon naht der Rand der Kolumne, und ich habe noch lange nicht fertig. Muss aber. Also: Nachsatz zu Armstrong raus (USADA-Bluff), BVB raus (neiin, nicht aus der Champions League! Freut euch über das Superlos! Real! City! Ajax! Die werden euch kennenlernen!), auch weitere Paralympics-Thematik raus (Wyluddas sportliches Vorleben, Doping, spezielle Problematik des Medaillenspiegels usw.). Zu seltsamer Letzt nur noch ein Zitat aus dem »Hohlspiegel«, in dem der Spiegel dumme bis witzige Fehler aufspießt. Wie diesen hier aus der FAZ: »In der ersten Runde des deutschen Fußballpokals sind mehrere Vereine aus der Bundesliga ausgeschieden.« Hää?! Ich lese den Satz einmal, zweimal …  ist doch völlig korrekt, oder? Was soll daran falsch oder blöde sein? … dreimal, stutze … ach sooo!  (gw)

Veröffentlicht von gw am 31. August 2012 .
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Walther Roeber zu “OWW” und Paralympics

Ohne dem Mitleser Engelhard jetzt zu sehr auf die Zehenspitzen treten zu wollen. Für mich ist OWW immer ein Höhepunkt der Woche (um highlight zu vermeiden :-)  ). Über Wagner und Zippert könnte man streiten, insbesondere über den ersten, aber Zippert verteilt seine Spitzen über mehrere Publikationen, die man als Einzelner kaum alle im Zugriff haben kann.  Deswegen finde ich es immer wieder sehr schön, das eine oder andere bei Ihnen wiederzufinden. Ich finde, Sie sollten auf keinen verzichten, der es verdient, in OWW aufzutauchen. Ihre Idee, den Vorspann “wiederzubeleben” ist eine Möglichkeit, aber einmal im Monat oder so würde reichen. Ich kann nicht genug davon bekommen!
Schade, dass Sie jetzt doch bei Armstrong geblieben sind, aber vielleicht findet sich noch ein Tag für die Paralympiker? Als selbst mit Behinderung “Ausgestatteter” kann ich mir das leisten zu sagen: Manche Leistungen sind schon paranormal, aber die Klassifizierung und Vergleichbarkeit ist doch in vielen Fällen nicht gegeben. Und mit den Leistungen von sogenannten “Normalen” sollte man gar nicht erst anfangen zu vergleichen! (Walther Roeber)

Veröffentlicht von gw am 29. August 2012 .
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Nachdruck: Armstrong – oder warum die Erde doch keine Scheibe ist (Anstoß vom 30. August)

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Ein Thema spielte kurz nach der Jahrtausendwende eine große Rolle: das Duell Ullrich – Armstrong. Dabei wurde, was heute gerne vergessen wird, Armstrong – als Krebs-»Besieger« gleichsam automatisch des Dopings unverdächtig – zunächst oft als leuchtendes sportliches Vorbild beschrieben im Vergleich zum dicken, faulen Ullrich. Nicht bei uns …
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Die Tour de France wird schon im März und April vorentschieden. In diesen wichtigen Aufbaumonaten werden die Profis besonders penibel kontrolliert. Dass Armstrong den März und April fern von allen europäischen Behelligungen tief in Texas verbringt und dies schon im Dezember mit den menschlich schwer zu kritisierenden, aber glaubwürdigkeitsproblematischen Worten begründet, »lieber verliere ich die Tour, als meine Kinder nicht zu sehen«, das ist . . . nur im Land der bekanntlich auch in Sachen Doping unbegrenzten Möglichkeiten möglich. (…) Man erinnere sich nur an seinen alten Spezi und Leistungs-Optimierer Michele Ferrari. Der des systematischen Dopings angeklagte Sportarzt aus Italien, der die Epo-Einnahme schon mal mit dem Trinken von Orangensaft verglich, hat diesen aparten sportlichen Grundsatz: »Für Profis muss alles okay sein, was nicht nachgewiesen werden kann.« Und Ferrari ist, wie Armstrong heute noch beteuert, ein ehrenwerter Mann. Armstrong natürlich auch. (22. 4. 2004)
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Natürlich sind Armstrong und seine Helfer sauber, das T-Mobile-Team sowieso, außerdem beweist jeder neue Dopingfall, dass die Aufklärungsrate steigt, der Sport also sauberer wird. Und die Erde ist eine Scheibe. (22. 9. 2004)
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Wie vielen unangemeldeten Trainingskontrollen hat sich Armstrong in den USA unterzogen? Wir wären sehr verwundert, wenn es auch nur eine gewesen wäre. Was passiert eigentlich, wenn Armstrong positiv getestet oder seine Vergangenheit dopingrelevant aufgeklärt wird? Werden ihm alle Toursiege aberkannt? Wäre Ullrich Rekord-Champion? Müßige Gedanken, da niemand  Armstrong im Frühjahr in seinem texanischen Rückzugsgebiet mit unangemeldeten Dopingtests belästigt. (19. 7. 2004)
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Nackte Fakten zu den Dopingtests: Zuständig für Armstrong ist die US-Anti-Doping-Agentur USADA, für Ullrich die deutsche NADA, für beide der Rad-Weltverband UCI. Fakt ist aber auch, dass die NADA im ersten Halbjahr 2004 fast 2000 Trainingskontrollen durchführte, die USADA im ersten Quartal so gut wie keine. Und ob die UCI seriös testet, ob sie, munkel, munkel, positive Dopingtests immer veröffentlicht habe, bleibt eine Frage, und nur eine Antwort ist juristisch haltbar: Theoretisch herrschen für Armstrong und Ullrich gleiche Bedingungen. Vielleicht 2005 auch praktisch, da die USADA nach der Balco-Affäre auf Druck der Bush-Regierung auf den harten NADA-Kurs eingeschwenkt ist. (8.9.2004)
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Selbst treueste »Unser Jan«-Fans wissen, dass Armstrongs Überlegenheit nicht alles entscheidend auf Doping beruhte, sondern vor allem auf außergewöhnlichem Ehrgeiz, härtestem Ganzjahrestraining, kluger Strategie, vernichtendem Kampfgeist und einem manischen Siegeswillen. (…) Wenn es EPO, Wachstumshormone und überhaupt alle unphysiologisch die Leistung steigernden Mittel nicht gäbe, wer hätte die Tour öfter gewonnen, Ullrich oder Armstrong? Vorsicht vor vorschneller Antwort! Wahrscheinlich hätte Armstrong weniger deutlich gewonnen, vielleicht Ullrich ein, zwei Mal mehr. Also: Es hätte phantastische echte Duelle gegeben. (27. 8. 2005)
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Armstrong (»Ich habe den Krebs besiegt«) hatte (…) ein Image aufgebaut, das ihn über den Sport und den Krebs in hohe politische Ämter führen sollte (und soll?). Aber: »Den Krebs besiegt« – das ist ein schiefes Bild, ein schlimmes dazu, ja, ein mitleidloses, ein bösartiges: Als wären die Opfer dieser Krankheit Verlierer, die sich nur ein bisschen mehr hätten anstrengen müssen. Armstrong sagte auch, und dass sich niemand daran störte, war und ist ein Skandal: »Verlieren ist wie sterben.« In diesem bösen Satz steckte auch eine finstere Logik: Wem Verlieren vorkommt wie sterben, der kämpft gegen das Verlieren mit den gleichen Mitteln wie gegen den drohenden Krebs-Tod, mit unbändigem Willen, besten Ärzten – und allem, was die Chemie zu bieten hat. (15. 7. 2010).
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Wie man sieht, einiges aus diesem »Nachdruck« ist zwar von gestern, hilft aber heute, manches besser zu verstehen (z.B. der USADA-Wandel). Und auch die Frage vom 19. 7. 2004 wird erst jetzt aktuell. Aber: Trotz aller Kritik, nicht verwehrt wurde Armstrong von uns der sportliche Respekt. Und der bleibt.  (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. August 2012 .
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Dienstag, 28. August, 16.30 Uhr

Morgen wird es wieder eine Zwischen-Kolumne geben. Entweder ein “Nachdruck” (Thema: Armstrong) oder ein Sport-Stammtisch zu den Prämien bei den Paralympics, mit vielleicht interessanten Wyludda-Details. Eigentlich bevorzuge ich die Prämien-Geschichte, doch damit könnte ich anecken, da mit Behinderten aus Befangenheit immer noch nicht ehrlich umgegangen wird. Falls ich’s dennoch tue, beginnt es mit weiteren Worten zum “Ohne-weitere-Worte”-Zitat von Katarina Witt. OWW ist ja meine Lieblings-Kolumne, aus mancherlei Gründen. Heute hat sich ein langjähriger Leser erstmals gemeldet und Kritik an der Auswahl geübt (Wagner, Zippert). Die Mail plus Auszüge aus meiner Antwort sind in der “Mailbox” zu finden (Link rechts).

Veröffentlicht von gw am 28. August 2012 .
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Hartmut Engelhardt zu “Ohne weitere Worte”

Als langjähriger »anonymer« Fan Ihrer Kolumne, gab es schon viele »Anstöße« für einen Leserbrief. Doch nur zu loben, fand ich dann doch zu simpel (warum eigentlich?). Die heutige Kolumne (28.8.12) nehme ich daher zum Anlass, einen kleinen Verbesserungsvorschlag anzubieten, der meine Lesefreude noch steigern könnte… Mir fällt seit langem auf, dass Sie in der Reihe »Ohne weitere Worte« immer wieder aus der »Welt« und der »Bild« zitieren, die mit den Herren Zippert und Wagner zwar für große Aufmerksamkeit sorgen, doch in ihrer Wortwahl mehr als daneben liegen. Sie haben es doch eigentlich nicht nötig, diesen mehr als abwegigen »Lautsprechern« auch noch eine Plattform in Ihrer geschätzten Kolumne Raum zu geben. Kurz gesagt: Ein Verzicht auf diese vermeintlichen Knaller würde gut tun!
Was halten Sie davon? Bleiben Sie gesund und ideenreich (Hartmut Engelhard/Assenheim)

Für Ihre Anregung danke ich sehr herzlich. Als langjähriger Leser können Sie sich vielleicht erinnern, dass die »Ohne weitere Worte«-Kolumne früher mit einer Einleitung erschien, in der es hieß: »Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.« Das heißt, dass kommentarlos eben auch »Peinliches« und »Dümmliches« zitiert wird und nicht nur Aussagen, die mir als Auswähler in Form und/oder Inhalt gut gefallen. Die Mischung sollte das Besondere sein, und was »klug«, »peinlich« oder »dümmlich« ist, sollte der Leser selbst entscheiden. Die Einleitung lasse ich seit längerer Zeit weg, um mehr Platz für Zitate zu haben. Vielleicht sollte ich sie wieder ständig in die Kolumne setzen?

Veröffentlicht von gw am 28. August 2012 .
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Baumhausbeichte - Novelle