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Montagsthemen (vom 30. Juli)

Es gibt nicht nur den Fluch, sondern auch den Segen des Zeitungsmachens in digitalen Ex- und Hopp-Zeiten: Was am späten Abend des Freitags die Welt faszinierte, spielt am frühen Morgen des Montags keine Rolle mehr. Wie schön für einen, dem leider das Erfreuungs-Gen an bombastischer Massenchoreographie fehlt.
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Leider, wirklich leider, denn allen anderen hat die Sache richtig gut gefallen. Selbst: Nur pflichtgemäß kurz reingeguckt, einen englischen Sekunden-Oldiemix erlebt und – déjà vu!? – zusammengezuckt und ausgeschaltet, als ein paar Stelzenfedermänner auf und ab hüpften: Die werden jetzt doch hoffentlich nicht über Autos . . .
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Dann begann das große olympische Allerlei, immer wieder faszinierend und eine verdiente öffentliche Anerkennung von Sportarten, die sonst im Verborgenen blühen. Ein fast Blinder schießt Bogen-Weltrekord, eine Judoka scheidet im Würgegriff ohnmächtig fast dahin und holt dennoch Bronze – nur zwei Geschichten, von denen Olympia noch viele schreiben wird.
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Und ein verfemter Kasache gewinnt Rad-Gold. Das ist doch …. ja, das ist es, aber wir wollen an dieser Stelle ausgelatschte Wege vermeiden, spekulieren nicht, welche Wino-Kur dieser -ow gemacht haben könnte, sondern streunen über eigene Pfade und interessieren uns für die kasachische Hymne. Die bei der Sportschützen-WM gespielte beginnt so: »Kasachstan größtes Land der Welt, alle anderen Länder von kleinen Mädchen regiert«. In London hörte man »Mening elim, mening elim, / Güling bolyn egilemin«, was in unserer – hier schreibt ein Wikipedia-gelehrter Experte – Übersetzung heißt: »Oh du mein Land, oh du mein Land / Ich bin die von dir gezogene Blume.« Eine der beiden gespielten Hymnen stammt aus dem weltweit beachteten Ethnodokumentarfilm »Borat«. Nur welche?
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Hymnenverwechslung à la Borat oder Nordsüdkorea konnte Deutschland am ersten Tag nicht widerfahren. Erneut erwies sich »Bild« als zuverlässigstes Orakel, für dessen Treffergenauigkeit sich sämtliche Pauls der Krakenwelt ein paar ihrer zehn Tentakel ausreißen würden. Man muss nur stets den Umkehrschluss beachten: Je mehr »Bild« tönt, desto größer der Reinfall. Siehe Fußball-EM, siehe Samstags-Schlagzeile: »Wer holt heute unser 1. Gold?« Zur Auswahl stellte »Bild« Beate Gauß, Paul Biedermann, Britta Steffen und Andre Greipel. Die Schützin wurde 32., Greipel gewann den Spurt um Platz soundsoweithinten, und die beiden Schwimm-Asse … vergessen wir’s, wer den Schaden hat, wird bei uns nicht auch noch verspottet.
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Aber vielleicht sollte »Bild« in Sorge um unser Medaillenbild seine Methode überdenken und statt groß zu tönen britisches Understatement betreiben. Es gab doch mal die legendäre »Bild«-Schlagzeile nach einem Schwimm-Desaster: »Hurra, niemand ertrunken!« Jetzt vorab ein banges »Hoffentlich ertrinken sie nicht«, und nach neuem Orakel-Gesetz klingelt es golden im Medaillenspiegelkasten.
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Bei uns klingelte es in der Mailbox. Anlass: Die Überschrift zum Interview mit einem London-Experten, der dem Klischee vom geduldig Schlange stehenden Engländer widersprach. »Auf jeden Fall bei Rot über die Ampel gehen.« Klar, nicht sehr vorbildlich. Die Kinder! Als mich unser Sportchef »ra« über die Proteste informierte, las ich gerade in der »SZ« ein Interview mit Ole van Beust, der sich nach dem Ausstieg aus der Politik über einige Vorteile freut. Einen packte die »SZ« in die Überschrift: »Ich kann wieder bei Rot über die Ampel gehen.« Tst, tst!
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Ach so, ja: In etwa zeitgleich mit dem schönen Friedensfreudenfest in London scheiterte bei den Vereinten Nationen in New York ein Abkommen zur Kontrolle des weltweiten Waffenhandels, mangels Aussicht auf Konsens. Aber auch das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Olympia eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle