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Sport-Stammtisch (vom 28. Juli)

Die Olympischen Spiele beginnen schon vor ihrer Eröffnung mit einem Frauenfußballspiel, bei dem für Nordkorea die südkoreanische Flagge gezeigt wird, was hohe diplomatische Wellen schlägt, während in Nordkorea ein kleiner dicker Prinz seine schöne Prinzessin heiratet und ihm zu Hause endlich alle Walt-Disney-Heftchen live vorgespielt werden, die er zu Zeiten von Papa Kim Jong senior in seinem Schweizer Internat nur unter der Bettdecke lesen durfte. Und nun die olympische Preisfrage: Gegen wen haben Nordkoreas Frauen wie hoch gewonnen oder verloren? Siehste. Auch ich bin erst im etwa siebzehnten Artikel zur Flaggen-Panne auf eine kurze Notiz gestoßen: Gewonnen. 2:0. Gegen Kolumbien.
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Bei der Eröffnungsfeier waren dann außer dem kleinen dicken Prinzen aus Nordkorea und dem ehemaligen Liebling des Westens aus Syrien so ziemlich alle Superpromis dieser Welt vertreten, von der Queen bis zum Beckhämchen. Schweigeminute gab’s keine, auch weil Deutschlands Sportboss Bach IOC-Präsident werden will, was jetzt zu langwierig zu erklären wäre, daher nur der rein faktische Hinweis, dass der vielseitig talentierte Dr. Bach Aufsichtsratsvorsitzender der Weinig AG ist, die kuwaitischen Investoren gehört, und zudem Präsident der »Ghorfa Arab-German Chamber of Commerce and Industry«, einer Handelskammer, die sich Verbesserung und Intensivierung deutsch-arabischer Wirtschaftsbeziehungen auf die Fahnen geschrieben hat.
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Dass Olympia nicht nur bereits vor der Eröffnungsfeier begann, sondern sogar auch schon vor ihr eingeläutet wurde, ist »Nummer 1197« von Martin Creed zu verdanken. Der englische Künstler pflegt seine Werke durchzunummerieren, sein bekanntestes war bisher »Work 227«, eine unentwegt ein- und ausgeschaltete Glühbirne. Und so läutete gestern um exakt 8.12 Uhr Londoner Zeit nicht nur die mächtige (daher: Big Ben) Glocke von Westminster, sondern landesweit alles, was nach Glocke aussieht und klingt, bis zum herunterladbaren Glockenton auf dem Handy. Die – liebenswert skurrile – Aktion gleicht dem menschlichen Megafon, das die New Yorker Occupy-Gemeinde erfunden hat: Einer sagt seinen Satz, wer ihn versteht, spricht ihn laut nach, die nächsten wiederholen, bald sind es 100 und mehr, die den Satz des einen im Chor nachsprechen, so dass ihn alle … verstehen? Bei uns heißt ein ähnliches Spiel »Stille Post«. Mit dem gleichen Ergebnis wie beim Occupy-Megafon.
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Mit dem gleichen oder dem selben? Das Thema hatten wir letzten Samstag mit dem aufgespießten Satz »Ari bestellte immer das gleiche Bier in der gleichen Bar am gleichen Platz«. Dabei hofften wir Ari zuliebe, er möge zwar immer an derselben Bar am selben Platz sein Bier trinken, aber nicht immer das selbe. Bei der Fechterin Duplitzer ist es immer das Gleiche: Pünktlich vor Ereignissen mit großem medialem Aufmerksamkeitswert holt sie ihr Megafon heraus. Ihrem Funktionärs-Bashing würde ich aus eigener leidvoller Erfahrung gerne zustimmen, doch erstens weiß ich nicht aus erster (also meiner) Hand, ob Funktionäre von ihren Sportlern wirklich immer noch weiter weg sind als die Erde vom Mond, und zweitens denke ich bei Duplitzer nur an das grüßende Murmeltier und Pawlows Hunde. Gut »getaimte« Selbstinszenierung, und wenn die Fressglocke läutet, läuft der Medienschar das Wasser im Mund zusammen, das sie nun mal nicht halten kann. Duplitzer müsste eigentlich Triplitzer oder Quattroplitzer heißen … sorry, Scherze mit Namen sollte man sich verkneifen. Stattdessen schaue ich mal nach, welche Duplitzer-Sätze schon einmal in unserer »Ohne weitere Worte«-Kolumne auftauchten. Zum Beispiel über den Mangel an Medieninteresse für ihre Sportart: »Vielleicht sollte ich mal nach New York fliegen und Sharon Stone auf der Kühlerhaube ihres Wagens flachlegen – und darauf achten, dass eine Überwachungskamera die Szene aufnimmt.« Oder: »Dagegen reizen mich Typen wie Hella von Sinnen gar nicht – die könnte man mir auf den Bauch binden, die würden rosten.«
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Tja. Das ignorier’ ich dann lieber erst gar nicht. Leider schwindet auch der Kolumnen-Platz für aparte außerolympische Dinge. Zu gerne hätte ich noch ein wenig über das Düdelingen-Desaster von Red Bull Salzburg gelästert oder über die beiden Superlative des HSV, der nicht nur den wahrscheinlich überschätztesten Trainer der Liga hat, sondern nach dem Spielchen gegen Barcelönchen auch die verarschtesten Fans. Doch der Rand der Kolumne naht, da bleibt nur noch der Merksatz, mit dem wir endlich das Gleiche von dem Selben trennen: Dinge können sich gleichen, aber nicht selben. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle