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OlympiABC (vom 27. Juli/Schluss)

Pelops: Schon im alten Olympia wurde Betrug belohnt – man musste nur prominent genug sein: Pelops, Sohn von König Tantalos, den wir auch wegen seiner Qualen kennen, gewann ein olympisches Wagenrennen gegen König Oinomaos, weil er dessen Wagenlenker bestach. Zum Dank wurde er unsterblich, statt einer popeligen Straße, wie bei Helden der Neuzeit (Jesse-Owens-Allee in Berlin), wurde ein hessengroßes Gebiet nach ihm benannt – Peloponnes, die »Insel des Pelops«.
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Quirot, Ana Fidelia: Wenn Ana Fidelia Quirot 1996 in Atlanta 800-m-Gold gewonnen hätte, wäre ein Märchen wahr geworden. Da Märchen nicht wahr zu werden pflegen, weil es sonst keine Märchen wären, ist die Silbermedaille für die Kubanerin das im real existierenden Leben größtmögliche Happy End. Die Haut der im achten Monat schwangeren Ana Fidelia Quirot war 1993 bei der Explosion eines Kerosinkochers in ihrer Küche zu 40 Prozent verbrannt worden. Ihr Leben konnte nach 21 Operationen gerettet werden, ihr Baby nicht. Wenn man weitere Hintergründe zu kennen glaubt, freut man sich noch mehr über Quirots Silber und findet das klägliche Ausscheiden eines berühmten Landsmannes im Hochsprung nun überhaupt nicht mehr tragisch. Dieser nämlich war der Geliebte der Läuferin und hatte sie nach dem Unfall sitzengelassen.
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Ringe, olympische: Symbolisieren die fünf Erdteile, weiß doch jeder. Oder? Aber welche Farbe für Europa, für Asien usw.? Fragen wir Pierre de Coubertin, der die Ringe höchstpersönlich kreiert hat: »Die Gestalt der Fahne ist symbolisch zu verstehen, sie stellt die fünf Erdteile dar, die in der Olympischen Bewegung vereint sind. Ihre sechs Farben entsprechen denen sämtlicher Nationalflaggen der heutigen Welt.« Ooch! Die Farben haben gar nix mit den Erdteilen zu tun?! Aber wieso sechs? Weil Coubertin den weißen Untergrund als sechste Farbe wertete. Olympia lernt uns viel, und man lehrt nie aus.
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Seoul: »Se-uhl« gewann 1988 den deutschen Ausspracheverrenkungswettbewerb vor »Soul« und »Saul«, »Mon-tri-ohl« siegte 1976 vor »Mon-real« und »Mon-tre-al«. Zuletzt konkurrierten »Pe-king«, »Bei-jing«, »Pei-ching« sowie diverse südchinesische Dialekte. In jedem Fall gewann Deutschland die Goldmedaille, da andere Länder nicht teilnahmen, sondern von Seoul bis Peking alle Städtenamen ohne Zungenverrenkungen so sprachen, wie ihnen der nationale Schnabel gewachsen ist. Auf nach »Landen«!
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Teilnehmen ist wichtiger als Siegen: Neuolympisches Ideal, das nie galt. Dagegen steht das ewiggültige altolympische Motto: »Immer der Beste zu sein und überlegen den anderen!«. Verewigt auch auf dem Grabstein eines antiken Olympioniken: »Kranz oder Tod!« 1964 in Tokio wurde ein japanischer Marathonläufer auf den letzten Metern überholt, er gewann nur Bronze. Er schämte sich buchstäblich zu Tode: Wegen der Schmach nahm er sich das Leben.
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Uhrzeigersinn: Warum wird im Olympiastadion gegen ihn gelaufen? Weil dies die natürliche Bewegungsrichtung ist. Denn der Mensch ist nicht nur normalerweise Rechtshänder, sondern auch Rechtsfüßer, schreitet deswegen mit rechts kräftiger aus, was ihn, zum Beispiel beim scheinbaren Geradeausgehen in der Wüste, nach einem unbewussten Linksherum-Gang wieder zum Ausgangspunkt führt. Oder so. Oder anders? Geht man links herum, weil links der Führ-Fuß (und meist das Sprungbein) ist? Und was hat das alles damit zu tun, dass die Gänge in Supermärkten meist linksherum angelegt sind? Und warum überhaupt geht’s im Uhrzeigersinn rechtsherum? Fragen über Fragen, wer kann uns die Antwort sagen?
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Vorurteile: White boys können nicht jumpen und sprinten. Siehe deutsche Läufer und die Usain Bolts der Welt. Was wird da wieder alles reingewissenschaftelt! Die alte Geschichte mit den schnellen weißen und den ausdauernden roten Muskelfasern (Weiße seien Mischtypen, Schwarze eher entweder/oder, also die einen schnell, die anderen ausdauernd). Als die Zeiten politisch noch nicht ganz so korrekt waren, glaubte der kalifornische Leichtathletik-Trainer Dean Cromwel sogar, Schwarze seien besser, weil für sie »Laufen und Springen wie für alle Primitiven vor noch nicht langer Zeit im Dschungel überlebensnotwendig« gewesen sei. Aber, liebe Rassisten: Man klone einen Hary (oder Kaufmann, oder Germar, oder Lauer), lasse ihn unter den gleichen Bedingungen leben, trainieren und laufen wie Bolt und Co. – und er wäre vielleicht besser, wahrscheinlich ähnlich schnell, aber ganz bestimmt nicht deutlich langsamer als die besten Schwarzen. Außerdem: In einer Sportart zumindest verlieren die Schwarzen viel häufiger als die Weißen. Im Schach. Aber nur, weil die Weißen zuerst starten dürfen.
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Wintersport: Leider bei Sommerolympia nicht dabei. Großes deutsches Handicap im Medaillenspiegel (siehe auch Kanureiten). Auch das winterliche Erfolgsrezept ist auf London nicht übertragbar. Laut Umfrageergebnis ist Deutschland entgegen seines Sauberkeits-Rufes eine unreinliche Nation, nur daher greifen wir im Winter mit unseren ungewaschenen Fingern die Medaillen ab, eingedenk der Empfehlung des Roten Kreuzes: Wenn’s kalt ist, nicht waschen, denn Seife zerstört die vom Körper produzierte wärmende Fettschicht auf der Haut. Die anderen waschen sich, frieren – und wer friert verliert. Chancengleichheit: In London wäscht der Regen alle sauber. Sauber? Na ja, was tut man nicht alles, um im warmen Medaillenregen zu stehen.
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Xenophobie: Wird meist mit Fremdenhass übersetzt, heißt wörtlich aber Fremdenfurcht, und das trifft auch die olympischen Befindlichkeiten besser. Denn trotz der völkerverbindensollenden olympischen Idee grassiert in London die X. in Form des völkerübergreifenden furchtsamen Misstrauens. Zitat zum Thema von Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch: »Ich habe seit jeher das Gefühl, dass Russen, Weißrussen oder Ukrainer was nehmen. Mein Trainer, der früher für Russland gestartet ist, sagte mir aber, dass die Osteuropäer genauso über uns denken.«
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Y-Chromosom: Geschlechtschromosom, bewirkt die Ausbildung des männlichen Phänotyps. Manchmal auch bei olympischen Frauen.
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Zapfenstreich: Der Z. ist der Schlag auf den Zapfen, wodurch das Schankfass geschlossen wird (siehe Grimms Wörterbuch). Zum Beispiel in Wallensteins Lager, »um den zechgelagen der soldaten einhalt zu thun«. Olympisches Synonym für den Z. ist die Abschlussfeier. Damit endet zwar das OlympiABC, aber mit unserem Zapfenstreich beginnt Olympia erst. Los geht’s! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle